Tanz der Träume – Schattentheater (Teil III)
Tanz der Träume – Schattentheater (Teil III)

Tanz der Träume – Schattentheater (Teil III)

Als wir die Hexenkatze erreichten, regnete es noch immer. Der Kutscher eilte sich uns abzusetzen. Er wollte schnell aus dem Regen raus und im nächsten Dorf Unterkunft suchen. Auf halbe Wege zum Dorf, erklärte er uns noch rasch, läge übrigens eine Kirche, deren Priester jedoch im Dorf zu finden sei. Damit lenkte er unsere Aufmerksamkeit auf den Turm, der sich in der Ferne zwischen dem heftigen Regen abzeichnete. Am nächsten Tag würde er wieder hier vorbeikommen und uns mitnehmen. So standen wir dort erst einmal mit unserem ganzen Gepäck im Regen. Oh ja, was für ein toller Tag!

Im diesigen Regen erkannte ich unter einem kleinen Vordach eine Gestalt. Ich zupfte Alexander am Ärmel und machte ihn auf sie aufmerksam. Mit einem Lächeln auf den Lippen nahm er meinen Koffer und gemeinsam gingen wir zu dem Fremden. In der Tat handelte es sich bei ihm um Olaus Klint. Ein Mann um die 40 Jahre mit säuberlich gestütztem Bart, einer spitzen Nase und einer Brille mit runden Gläsern. Wir sprachen kurz miteinander, dabei stellte sich heraus, dass er so unglaublich froh sei, dass wir gekommen waren. Mehrfach betonte er das überdeutlich. Wir entschieden jedoch, alles weitere drinnen im Trockenen und abseits von weiteren Zuhörern zu klären.

Wir gingen in die Schattenkatze hinein. Der Schankraum war trist und die Gäste regelrecht traurig. Von der Decke tropfe es in viele Schüsseln und Eimer. Es herrschte eine gedrückte und gedämpfte Stimmung. Eilig besorgten wir uns vier Zimmer – im übrigen die einzigen vier die es hier gab – beim grimmig dreinblickenden Wirt und bestellten Wein. Danach wollten wir unser Gepäck nach oben bringen. Wieder war es der hübsche Alexander, der mein Gepäck trug. So langsam fand ich gefallen an ihm. Beim Weg die Treppe hinauf musste ich feststellen, dass es wohl hier nahe Uppsala üblich sein musste seine Häuser verfallen zu lassen. Die Treppe quitschte und knarzte, vor der ein oder anderen Diele wurden wir eindringlich gewarnt, da diese locker sei. Meine Güte, wo war ich nur hier gelandet? Wir stellten das Gepäck in unseren Zimmern ab und kamen in Olaus‘ Zimmer zusammen. Sei es hier üblich die Häuser verfallen zu lassen? Dann sei es uns also schon aufgefallen? Dieses Gasthaus, erklärte der Privatdetektiv weiter, verrotte langsam, dabei kümmere sich die Familie Harjula wirklich so gut sie konnte. Er wisse auch nicht weiter. Wisse er, was diesem Gasthaus fehle? Der Privatdetektiv schaute mich an. Musik, antwortete ich ihm. Oh, das sei keine gute Idee, der Wirt dulde keinerlei Künstler, weder Schauspieler noch Musiker. Warum das denn? Er zuckte mit den Schultern. Das wisse er nicht. Er wisse nur, dass es so sei. Außerdem, fügte er hinzu, litten die Gäste hier immer wieder unter grässlichen Albträumen. Auch er habe solch einen gehabt. Er habe geträumt, dass er ein Seil um seinen Hals lege und springe. Dann sei er erwacht. Schweißgebadet. Wir versicherten, uns das ganze einmal anzusehen.

Unser Weg führt uns nun hinab in die triste Schankstube. Trotz des Feuers im Kamin war es erbärmlich nass uns kalt. Ich zog meinen Schal enger um mich. Wir setzten uns. Eine junge Frau brachte uns den bestellten Wein. Die anderen Gäste unterhielten sich miteinander. Die Stimmung war seltsam bedrückt, als habe Nässe und Kälte in die Herzen der Anwesenden Einzug gehalten. Mein hübscher Adeliger ging an den Tresen um sich mit dem Wirt zu unterhalten. Leise hörte ich ihn fragen, warum er keine Kunst möge. Sami Harjula erbleichte Augenblicklich, wurde schroff und abweisend.

Indes schaute ich mich im Schankraum um, wobei mein Blick auf den jungen und doch recht ansehnlichen Pfarrer fiel. Oh, dachte ich, was für eine Herausforderung! Sogleich klärte ich Dr. Nicklas, dass ich mal mit diesem sprechen wollte. Ich hätte nämlich eine Schwäche für solche vermeintlich unerreichbaren Männer. Er grinste mich nur an und meinte, dass meine Mühe da wohl vergebens sei. Ach, winkte ich ab, das behauptete man zwar immer, aber letztendlich waren auch Pfarrer nur Menschen oder besser gesagt Männer.

So gesellte ich mich zum Pfarrer. Höflich erhob sich dieser und stelle sich mir als Vater Niels Klarhed vor. Natürlich nannte ich ihm auch meinen Namen. Wir setzten uns und sogleich kam ich auf den ungewöhnlich verfallenen Zustand des Gasthaus zu sprechen. Sami und dessen Familie versuchten sich wirklich um alles zu kümmern, erwiderte er mir, aber sie würden einfach nicht mehr hinterherkommen, dabei war die Hexenkatze bereits in der vierten Generation in der Hand der Familie Harjula. Aufmerksam hörte ich zu. Und könne er mir sagen, warum die beklemmende Stimmung hier nicht durch ein bisschen lieblichen Gesang oder ein vortreffliches Musikstück aufgehellt würde? Oh, der Wirt mache sich nichts aus Kunst. Warum denn das? Er wollte sich nicht an Spekulationen beteiligen. Auch nicht nur ein kleines bisschen? Mit einem lieblichen Lächeln schaute ich ihn an. Nun gut, erwiderte er mir, seine Haushälterin habe ihm erzählt, dass Sami sich alleine um seine Tochter Sophia kümmern müsse. Sein Blick schweifte zu der jungen Frau. Ja, eine gewisse Ähnlichkeit war da. Was denn mit Samis Frau geschehen sei? Nora sei durchgebrannt. Habe sich einer Gruppe eines Theaters angeschlossen. Es musste jetzt ungefähr ein Jahr her sein. Doch dafür habe der Herrgott sie hart bestraft, denn inzwischen sei sie im Krankenhaus in Karlskrona gestorben. Oh, entfuhr es mir da, das sei alles so unfassbar bedauerlich! Und seit diesem Tag würde das Gasthaus zunehmend verfallen? Er nickte. Sami und seine Tochter würden einfach nicht mehr hinterherkommen. Auch der Wintergarten, der Lieblingsplatz seiner Frau, sei inzwischen total verfallen. Ich presste meine Lippen angestrengt aufeinander und nickte. Inzwischen war mir klar, warum der Wirt keine Künstler mochte. Käme ich zur nächsten Messe? Sofern ich noch hier sei, käme ich gerne. Dann verabschiedete ich mich. Die anderen langweilten sich gewiss schon ohne mich, erklärte ich meinem Gegenüber. Wieder erhob er sich höflich.

Gemeinsam mit Olaus tauschten wir unsere gewonnenen Erkenntnisse aus. Dabei stellten wir fest, dass wir dringend auch mit der Tochter des Wirtes, Sophia, sprechen sollte. Doch in Anwesenheit ihres Vaters war das wohl kaum möglich. Immer wider blickte sie ängstlich, regelrecht verschreckt zu ihm hinüber, zog den Kopf dabei ein. So schmiedeten wir einen Plan.

Dr. Nicklas wandte sich mit einigen Sonderwünsche an den Wirt, Alexander winkte die Tochter herbei und ich stellte mich zwischen die beiden, um dem Vater den Blick zu verstellen. Bald darauf ging der Arzt mit Sami die Treppen zu den Zimmern hinauf. Als ich die beiden nicht mehr sehen konnte, wandte ich mich zu meinem gutaussehenden Begleiter, der bereits im Gespräch mit Sophia war. Das Mädchen wirkten sehr nervös. Blickte sich wieder und wieder ängstlich um. Alexander wollte von ihr wissen, was man hier unternehmen könne. Ach, eigentlich nichts, im Dorf sei nichts los. Wofür wir uns interessierten? Kunst, selbstredend. Also, räumte sie ein, wenn uns Kunst wirklich am Herzen läge, dann könnte sie uns später am Abend etwas zeigen. Wir sollten dazu in einer halben Stunde auf den Dachboden hinaufkommen, aber darauf achten, dass uns niemand folgte, erst recht nicht ihr Vater. Wir versicherten äußerst umsichtig zu sein und sehr gerne zu kommen. Sie schenkte Wein nach und ging. Da kam ihr Vater mit Dr. Nicklas zurück. Als der Arzt sich zu uns gesellt, berichteten wir ihm eilig von den zurückliegenden Ereignissen.

Wir tranken den Wein in Ruhe aus. Danach gaben wir vor zu Bett zu gehen. Wir gingen in den ersten Stock hinauf, doch anstatt unsere Zimmer aufzusuchen, zogen wir die Luke zum Dachboden herunter. Alexander ließ mir den Vortritt und so ging ich als erste die Treppe hinauf. Klint bildete den Schluss unserer kleinen Gruppe und zog die Luke hinter uns zu.

Auf dem Dachboden war das hintere Drittel mit einem schweren Vorhang, durch den Licht hindurch schimmerte, abgetrennt. Davor stand eine glücklich, regelrecht selig lächelnde Sophia. Sie schlug den Vorhang zur Seite und ließ uns ein. Einige Stühle warteten nur darauf, dass man auf ihnen Platz nahm. Und dann war da noch ein Schattentheater, wie es jene Einladung versprochen hatte. Es handelte sich um Laternen, Pappfiguren an Stöckchen und austauschbaren Leinwänden, die über Zahnräder und Schienen mittels einer Kurbel in Gang gesetzt werden konnten. Gebaut, erklärte die Tochter des Wirtes, habe sie es selbst. Ungefähr ein Jahr habe sie dafür gebraucht, dabei sei es nicht einfach gewesen die ganzen Materialien an ihrem Vater vorbeizuschmuggeln und es dann unbemerkt hier oben zu bauen. Woher sie gewusst habe, wie sie es bauen hatte müssen? Sie habe es geträumt. Oh, eine Anleitung im Traum? Das klang sehr ungewöhnlich!

Könne sie das Stück beginnen? Natürlich, erwiderten wir ihr. Und Sophia drehte an der Kurbel, wobei sie eine Geschichte erzählte: Ein junger Mann erlernte die Kunst des Schattentheaters in Paris. Danach wanderte er umher, bereiste viele Orte und führte seine Kunst auf. Schlussendlich kam er nach Schweden, in seine Heimat zurück. Doch die Kunst stellte sich hier als brotlos heraus. Sein Abstieg begann. Er lebte auf der Straße und musste betteln und er begann plötzlich Dinge zu sehen, die nicht da waren, die sonst niemand sehen konnte. Da kam ein Fremder. Albert hieß der wohlhabende Mann. Er unterstützte den Künstler, wurde sein Mäzen. Er gab ihm Unterkunft, Essen, Kleidung und ließ ihn seine Stücke aufführen. Außerdem stellte er ihm seinen Freunden vor. Sie trafen sich dazu in einem Gasthaus. Die Freunde umringten den Künstler, bedrängten ihn. Er solle beitreten. Er solle ihnen beitreten. Er habe die Gabe. Doch er erwiderte, dass seine Aufgabe die Kunst sei. Er wollte nicht beitreten. Er lehnte ab. Da zogen die anderen Dolche und stachen wieder und wieder auf ihn ein. Danach wurde sein Körper einfach verscharrt. Ein Grab tauchte auf.

Inzwischen war Sophias Stimme ganz dunkel geworden. Klang wie die eines Mannes. Ihr Körper war schlaff und kraftlos. Ganz unvermittelt taucht plötzlich ein Geist vor uns auf. Er heulte jämmerlich: Wir hätten ihn umgebracht. Ihn einfach umgebracht! Abgestochen wie ein elendiges Schwein. Doch nun, fuhr er bedrohlich fort, sei er zurückgekehrt um sich zu rächen. Und seine Rache würde fürchterlich sein. Ja, fürchterlich! Dann gab es eine grelle Explosion, heller Nebel waberte durch die Finsternis zu und fiel zu Boden. Es war still. Kein einziger Laut war zu hören. Nicht einmal aus dem Schankraum. Es herrschte Totenstille.

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