Beim Abendessen traf ich die anderen Gäste. Der eine war ein gutaussehender, wirklich exzellent gekleideter Mann, dem man nicht nur seinen Reichtum ansah, sondern anhand seines überzeichneten Gehabes auch seine adelige Abstammung. Er war Mitte 20, hatte braunes Haare und stellte sich als Alexander Leijonstierna vor, wobei er uns großzügigerweise erlaubte, ihn Alexander zu nennen. Ja, die adeligen Herrschaften eben. Er habe bis vor kurzem viele Länder bereist und sei gerade erst wieder nach Uppsala gekommen. Der andere war bereits ein älterer Herr. Er mochte gewiss Anfang 30 sein, wobei das angesichts seines Bartwuchses wirklich schwer zu schätzen war. Er trug schlichte Kleidung, hatte graue Augen und mittellanges Haar. Er sei Dr. Nicklas Lindroth, es sei jedoch in Ordnung, wenn wir ihn Dr. Nicklas nannte. Innerlich seufzte ich. Warum waren Männern nur so eitel und kompliziert zugleich? Auch ich stellte mich ihnen vor. Wobei ich meiner Vorstellung hinzufügte, dass ich Schriftstellerin sei und immer auf der Suche nach geeigneter Inspiration war.
Der alte Diener trug auf. Er schien froh, dass nun endlich wieder jemand hier in diesem Schloss residierte. Die alte Herrin sei nämlich seit geraumer Zeit in einer Heilanstalt. Sicher würde sie sich über einen Besuch freuen. Über das Schloss konnte er uns recht wenig berichten. Viele Räume seien verschlossen, über den Verbleib der Schlüssel könne er nichts sagen und daher habe er keine Ahnung von dem ganzen Ausmaß. Und abgesehen davon bräuchte es ohnehin deutlich mehr Dienstpersonal, um die Arbeit hier zu bewältigen. Er jammerte richtig. Dabei war ich mir sicher, dass er sich hier gewiss nicht überarbeitet.
Nachdem Abendessen, es war wirklich nur ein einfaches Abendessen, überbrachte der Hausdiener uns einen Brief. Natürlich wollte ich ihn sogleich an mich nehmen, aber dieser uralte Mann übergab ihn an Dr. Nicklas. Vermutlich war dieser alte Knochen wohl noch aus dem letzten Jahrhundert und der Meinung, dass Frauen weniger wert waren als Männer. Unverschämtheit! Eilig gesellte ich mich zu Dr. Nicklas, um sogleich mitzulesen. Auch Alexander las mit.
Es handelte sich um eine Einladung zu einem Schattentheater, das in Kürze im Gasthaus Hexenkatze von einem Oscar Hjorte aufgeführt werden sollte. Wobei in einer anderen Schrift ein gewisser Mann namens Olaus Klint uns eben bei jenem Gasthaus heute Nacht treffen wollte.
Wir waren uns einig, dieses Schattentheater durften wir uns nicht entgehen lassen. Wir ließen den Hausdiener für den heutigen Abend eine Kutsche bestellen. Leider wusste der alte Herr nichts über das Gasthaus Hexenkatze zu berichten. So langsam kam mir der Verdacht, dass der alte Bedienstete senil war. In seinem Alter wäre das durchaus möglich. So suchten wir die Bibliothek auf. Diese war recht groß, doch die Bücher standen kreuz und quer in den Regalen. Wer auch immer sie eingeräumt hatte, hatte keinen Wert auf Ordnung gelegt. Nichts war dort zu finden, wo es zu finden hätte sein sollen. Was für eine grässliche Unordnung! Ich wurde richtig wütend! Wer machte denn so was? Wer verunstaltet denn eine Bibliothek auf diese Weise? Dennoch fand ich etwas. Im dritten Band einer Abhandlung über die Treffen der Gesellschaft, die anderen Bände waren unauffindbar – vermutlich standen sie irgendwo in Regalen, wo sie nicht hingehörten – stieß ich auf Interessantes. Zum einen war da eine Karte, auf der die Hexenkatze links von Uppsala auf dem Weg Richtung Stockholm eingezeichnet war, zum anderen wurde darin ein Pyri Harjula als Wirt der Hexenkatze, ein Donnerstagskind und Mitglied der Gesellschaft aufgeführt. Da es sich den vergilben Seiten nach um ein altes Buch handelte, war davon auszugehen, dass er schon lange nicht mehr lebt. In der Hexenkatze hatte sich nach dem Text auch die Gesellschaft getroffen, als dies hier im Schloss nicht möglich war. Ich brachte den Band in mein Zimmer und stellte ihn in das Regal – damit er nicht erneut in der Bibliothek verschwand.
Währenddessen fand Alexander ein altes Mitgliederverzeichnis, in dem er ebenfalls den Namen Pyria Harjula fand. Außerdem stieß er im Telefonbuch auf den Namen, der auf der Einladung stand: Olaus Klint. Der Mann war Privatdetektiv. Bei seiner Suche nach Oscar Hjorte fand er dann noch heraus, dass dieser in Paris studiert und von dort das Schattentheater nach Schweden gebracht hatte. Des Weiteren brachten wir in Erfahrung, dass der derzeitige Wirt der Hexenkatze Samuel „Sami“ Harjula war.
Mit der Kutsche machten wir uns auf den Weg. Die Reise dauerte mehrere Stunden. Das Wetter wurde zunehmend schlechter. Aus sanften, gar lieblichen Regentropfen wurde ein heftiges Gewitter, das über uns hinwegfegte. Wir alle waren froh, dass wir hier im Trockenen saßen. Indes unterhielten wir uns. Thema war auch unser rüstiger Bedienstete. Erstaunt stellten wir fest, dass wir seinen Namen gar nicht kannten. Keiner von uns hatte ihn je gefragt und er hatte sich nie vorgestellt. Eilig entschieden wir ihm einfach einen Namen zu geben. Gustav wollten wir ihn fortan nennen, weil er wie ein Gustav aussah und sich auch wie einer verhielt. Ja, würde ich ein Buch schreiben, dann würde ich solch einen alten, senilen Hausdiener ganz sicher Gustav nennen.