Bis wir das Arbeiterdorf erreichten, hatten die Handwerker das Feuer bereits unter Kontrolle gebracht. Eine Eimerkette, hastig organisiert, hatte Schlimmeres verhindert. Dennoch waren zwei Hütten völlig ausgebrannt. Eine davon gehörte Artag.
Das allein hätte schon gereicht, um mir die Laune zu verderben – doch was ich hinter den Hütten sah, ließ keinen Zweifel mehr zu: verkohltes Reisig, in auffälliger Menge. Es hatte dort vorher nicht gelegen. Niemand lagert Reisig so dicht an einer Hütte, schon gar nicht in dieser Jahreszeit.
Kein Unglück. Keine Unachtsamkeit. Brandstiftung.
Während wir die Überreste betrachteten, entspann sich eine Diskussion über die Klosterregeln. Rondrigo – pflichtbewusst wie eh und je – wies darauf hin, dass wir uns streng genommen längst wieder in unseren Kammern hätten befinden müssen.
Zu meiner Überraschung – und nicht geringen inneren Belustigung – äußerte Aurelia sich ungewohnt scharf über diese Regeln. Sie merkte trocken an, dass sie für uns nicht ganz in dieser Form gälten. Ich schwieg dazu. Es tat gut zu sehen, dass auch sie spürte, wie sehr uns diese starren Vorgaben bei unserer Arbeit behinderten.
Wir suchten nach Spuren.
Kein Reisig fehlte aus dem Holzlager. Das bestätigte meinen Verdacht. Stattdessen fanden wir Orkspuren – deutlich, schwer, schlampig verborgen. Sie führten aus dem Dorf hinaus, den Bach entlang, vorbei an den Ruinen eines alten, verlassenen Dorfes, und schließlich in den Bach hinein. Rondrigo markierte sorgfältig die Stelle, an der sich die Spuren im Wasser verloren.
Ein klassischer Rückzug. Jemand wusste, was er tat – oder wurde geführt.
Wir kehrten schließlich ins Kloster zurück. Schlaf war dringend nötig.
Aargunde durfte diese Nacht nicht mehr zwischen Aurelia und mir liegen. Es gibt Grenzen. Auch für Novizinnen.
Der Traum kam wieder.
Ich saß auf einem Thron, der in langsamen, farbigen Pulsen leuchtete. Macht floss durch mich – nicht wie Astralkraft, sondern dichter, unmittelbarer. Zu meinen Füßen wimmelten Legionen von Kreaturen, wartend, lauernd, bereit.
Vor mir: ein winziges Gebäude. Zerbrechlich. Unbedeutend.
Ich wusste, wie ich meinen Hunger stillen konnte.
Ich zerquetschte eine kleine Kreatur zwischen meinen Fingern. Blut floss. Warm. Verlockend. Bald würde ich trinken.
Der Morgengong riss mich viel zu früh aus diesem Bild.
Und doch: Ich fühlte mich ungewöhnlich erholt. Beunruhigend erholt. Selbst meine Kraft – die hier im Kloster als etwas Unreines betrachtet wird – war stärker zurückgekehrt, als sie es hätte sein dürfen. Zwei mögliche Ursachen drängten sich mir auf: der Traum … oder die magischen Linien.
Ich nahm mir fest vor, darauf zu achten, was geschieht, wenn man längere Zeit über einem solchen Knoten schläft.
Dann der Schrei.
Ein Novize führte uns im Laufschritt zum Badehaus. Im Zuber lag Hüter Wismund. Der Boden war voller Blut. Seine Arme aufgeschlitzt. Neben dem Zuber ein blutiges Messer – sorgfältig platziert. Zu sorgfältig.
Ich untersuchte den Leichnam. Die Schnitte an den Armen konnten zu den Verletzungen passen – doch dann fand ich die Wunde am Hinterkopf. Ein stumpfer Schlag. Stark genug, um ihn bewusstlos zu machen, aber nicht zu töten.
Er war tot. Seit etwa zwei bis drei Stunden. Die Leichenstarre bestätigte es.
In seiner Kutte fand ich einen Zettel: M-S4-17. Die Handschrift wies deutliche Gemeinsamkeiten mit der Notiz aus dem Buch über die Sternenkonstellationen auf.
Sonst: keine weiteren Verletzungen.
Aurelia befragte den Novizen. Wismund war Sterndeuter. Sekia könne vielleicht mehr wissen.
Während Aurelia, Rondrigo und Aargunde zum Sonnengruß gingen, weckte ich Gryox. Er hörte schlecht – irgendetwas steckte ihm in den Ohren. Gryox hatte Essen organisiert. Ich frühstückte bei ihm und nahm eine Wurst für Aurelia mit. Kleine Gesten sind manchmal das Einzige, was Ordnung schafft.
Später trafen wir uns in unserer Unterkunft. Aurelia berichtete, dass Hüter Quanion selbst eingeräumt habe, dass die Geweihten offenbar nicht wissen, wo das Zepter ist. Das beunruhigte mich mehr, als ich zeigen wollte.
Meine Gedanken ordneten sich nur widerwillig:
- Der Bau wird magisch hintertrieben.
- Der Bau wird durch Unfälle sabotiert.
Zwei Methoden. Vielleicht zwei Fraktionen.
Die Grabinschrift spricht von den Gezeichneten. Das sind wir. Doch was ist der Fingerzeig?
Der Täter muss im inneren Zirkel des Ordens sitzen.
Wir sollen aufklären – und werden gleichzeitig behindert. Auch das spricht für einen Verräter in den eigenen Reihen.
Mein Misstrauen gegenüber Nicola de Mott wuchs. Kein Zugriff auf das Zepter. Und dennoch mit zwei Gefährten der Belagerung durch die Orks entkommen.
Wir müssen dieser Flucht nachgehen:
Wer waren die Gefährten?
Wo sind sie jetzt?
Aargunde unterbrach erneut mit ihrer eingeschränkten Weltsicht – und forderte wieder eine Anrede ein, die ihr nicht zusteht. Respekt wird nicht durch Funktion verliehen, sondern verdient. Das gilt auch – und besonders – für angehende Diare. Zumal sie durch ihre Zuordnung zu Aurelia faktisch Teil unseres Haushalts ist. Eine Konsequenz, die sie noch nicht begriffen hat.
Sollten wir tatsächlich auf ein weiteres schwarzmagisches Magnum Opus zusteuern und sie es überleben, wird sie vielleicht etwas lebensnäher daraus hervorgehen.
Aurelia befragte später die Novizin Sekia. Diese berichtete, Wismund habe in der Kapelle gebetet, verwirrt, eindringlich:
„Oh Herr, ich glaube, es wird Zeit, sie zu warnen.“
Aurelia bat sie, sich zu melden, falls ihr weitere Veränderungen an einem der Hüter auffielen.
Wir stiegen bis auf die Zinnen des Turms. Keine Spuren eines Überfalls. Nichts. Zu sauber.
Aurelia ergänzte, dass Quanion ihr gegenüber erwähnt habe, Nicola de Mott wirke seit einiger Zeit abwesend – und wisse offenbar tatsächlich nicht, wo das Zepter ist.
Gryox schließlich berichtete noch etwas Merkwürdiges: Sein Mader Gneisi habe in der Nacht einen kleinen, aufrecht gehenden Menschen gesehen, der einen großen Menschen getragen habe.
Wir durchsuchten Hüter Wismunds Kammer.
Das Ergebnis: Unterwäsche. Und sonst nichts.
Was auch immer hier geschieht – es arbeitet leise, geduldig, von innen heraus.
Und ich fürchte, wir stehen erst am Anfang.