Wir betraten den Neubau des Tempels schweigend. Der Stein roch so alt wie die Stille – eine jener Stille, die mehr weiß, als sie preiszugeben gewillt ist. Hüter Bormund begleitete uns, wortkarg wie eh und je, und führte uns zu einer Wendeltreppe, die hinab in die Krypta führte.
Dort unten ruhen die Sarkophage der ehemaligen Hüter und Klostervorstände. Die Orks hatten sie aufgebrochen, doch man hatte die Schändungen so gut es ging ausgebessert. Risse waren verfüllt, Deckel neu gefügt – doch nichts tilgt gänzlich die Erinnerung an rohe Gewalt. In der Mitte des Raumes war ein neuer Schrein errichtet worden, schlicht und ehrfürchtig. Am hinteren Ende jedoch befand sich eine verschlossene Tür mit vergittertem Fenster. Bormund brummte missmutig, als er sie aufschloss. Offenbar bereitete ihm dieser Ort Unbehagen.
Hinter der Tür führten einige Stufen weiter hinab, und dort lag er: ein reich geschmückter Sarkophag aus hellem Marmor, mit feinen Einlegearbeiten versehen. Die Darstellungen zeigten Szenen, wie man sie sich vom Leben in Alveran vorstellt – Licht, Ordnung, Erhabenheit. Doch es waren keine Taten oder Wunder Arras de Motts dargestellt. Den Abschluss bildete das Haupt eines Greifen, dessen Schnabel klagend aufgerissen war. Dies war das Grab Arras de Motts. Und es war – anders als alle anderen – von den Orks unberührt geblieben.
Bormund berichtete, dass die Tür aufgebrochen gewesen sei. Die Orks waren also hier gewesen, hatten diesen Ort betreten – und doch den Sarkophag nicht angerührt. Rondrigo war sichtlich ergriffen; ich sah, wie seine Hand unwillkürlich zum Herzen fuhr, als stünde er vor einem lebendigen Heiligen.
Anjun untersuchte den Sarkophag mit größter Sorgfalt und ehrlicher Bewunderung. Schließlich machte er uns auf die Inschrift aufmerksam:
Hier ruht
ARRAS DE MOTT
Sein Name sei den Rechtschaffenden Erbauung
Den Unwissenden Ermahnung
Und der Gezeichneten strahlender Fingerzeig
Wenn dereinst
Das Licht der Finsternis weicht
3 Offenb. d. S./98
Wir diskutierten lange über diese Worte. Gryox versuchte einen Odem, doch die Magie entzog sich ihm. Er meinte, die Kraft Praios’ sei hier so stark, dass die Strömungen kaum formbar seien – schwer wie Gold in flüssigem Zustand. Auffällig war auch: Hier unten gab es keine Ratten. Keine einzige.
Rondrigo und Gryox untersuchten den Greifenkopf genauer, was Bormund deutlich missfiel. Anjun jedoch entdeckte etwas Entscheidendes: Im Schnabel befand sich eine Hohlform, wie der Abdruck eines kugelförmigen Gegenstandes. Vielleicht – so seine Vermutung – sei das Zepter des Arras de Mott der Schlüssel dazu. Zudem äußerte er den Gedanken, der Grabspruch könne eine Prophezeiung sein.
Bormund wusste nicht sicher, ob die zitierte Stelle tatsächlich aus den Offenbarungen der Sonne stamme. Er versprach, uns eine Abschrift zu bringen. Gryox begleitete uns nicht weiter, sondern kümmerte sich um den Zwerg Artag.
Uns war bekannt, dass die größten Heiligtümer des Ordens hier im Tempel verwahrt sein sollen:
- der Sarkophag des Gründers,
- sein Zepter,
- sowie das Original der Offenbarung der Sonne.
Doch auf Seite 98 der Offenbarung fand sich der Spruch nicht – und eine dritte Offenbarung existiert gar nicht. Gryox und Anjun durchsuchten das Werk gründlich. Der Verweis auf die Offenbarung musste also irreführend oder bewusst verschleiernd sein.
Da wir die Bibliothek nicht selbst betreten durften, brachte Bormund uns drei weitere Bücher:
- Ein Traktat von Bruder Rochus über Leben und Wirken des Arras de Mott,
- Die Hinterlassenschaften des Arras de Mott, verfasst von Bruder Laurentin,
- Sagen und Mythen des Finsterkamms.
Rondrigo vertiefte sich in das erste Werk. Besonders fiel ihm eine Abhandlung über den Namen des Ordensgründers auf, denn Arras de Mott war offenbar nur sein Weihename. Die Bedeutung von de Mott blieb ungeklärt. Der Autor spekulierte über Herleitungen aus dem Bosparano ebenso wie aus meiner Muttersprache. Am Ende stellte er mehrere mögliche Bedeutungen nebeneinander: Hüter der Erdscholle, Hüter der Geheimnisse, Geheimnis des Hüters. Da Arras de Mott sich zu Lebzeiten nie dazu geäußert hatte, nahm er dieses Geheimnis wohl mit ins Grab.
Unwillkürlich kam mir der Gedanke: Vielleicht ganz wörtlich.
Aurelia untersuchte das Buch über die Hinterlassenschaften. Sie fand mehrere bemerkenswerte Hinweise:
Arras de Mott hatte offenbar wiederholt Entscheidungen getroffen, die niemand nachvollziehen konnte und die er nie erklärte. Man schrieb, er habe Eingebungen von Urischar erhalten – unter anderem genau an jener Stelle, an der dieses Kloster errichtet wurde.
Besonders aufhorchen ließ uns die Übergabe seines Zepters an den Nachfolger. Seine Worte sollen gewesen sein:
„Nimm den Pförtner, der den Gerechten den Weg weist, wenn die Tochter der Schlange wieder im Frevel erstrahlt.“
Das Zepter, so heißt es weiter, stehe in Verbindung mit dem Mysterium von Kha – und es könne ein Portal öffnen.
Auf unsere Nachfrage bestätigte Bohemund, dass der Grabspruch trotz des Vermerks nicht aus der Offenbarung der Sonne stamme. Den Aufenthaltsort des Originals wollte er uns nicht nennen. Es sei derzeit nicht zugänglich, obwohl es einst im Kloster verwahrt wurde. Vielleicht – so seine vorsichtige Andeutung – wisse Nicola de Mott mehr darüber.
Ich selbst vertiefte mich in die Sagen und Mythen des Finsterkamms. Eine Erzählung zog mich besonders in ihren Bann: Die Sage eines Bauern, der nach schweren Schicksalsschlägen ein verborgenes, fruchtbares Tal findet – ein Ort, an dem die Elementarherren selbst erschienen sein sollen. Hinweise auf dieses Tal waren spärlich, aber eindrücklich:
– Eine Bergkuppe leuchtet in der Morgensonne golden und blendend.
– Das Tal ist voller Leben – Tiere und Pflanzen in Hülle und Fülle, untypisch für das karge Gebirge.
– Keinem Sterblichen ist es erlaubt, das Tal zu betreten.
– Doch wer wohlgesonnen ist, kann offenbar Gnade und Gunst der Elementarherren erlangen.
Sollte dieses Tal existieren, wäre es von größtem Interesse.
Zwischen den Seiten des Buches fand ich zudem einen losen Zettel. Darauf war eine aufziehende Sternenkonstellation beschrieben, die auf etwas Machtvolles und zugleich Unheilvolles hindeutete. Der Verfasser schloss daraus, dass ein Feind oder ein Fluch unter „Ihnen“ sein müsse. Weitere Berechnungen bestätigten diese Befürchtung – einzig die Harmonie zwischen Eidechse und Held ließ einen schwachen Hoffnungsschimmer zu.
Der Zettel war in modernem Garethi geschrieben. Er war nicht alt.
Zu meiner Überraschung erwies sich Armatio als kundig in der Sternenkunde. Er bot an, mich zu begleiten, um zu prüfen, ob sich die beschriebene Konstellation bereits anbahnt. Aurelia und Rondrigo schlossen sich uns an. Nach längerer Betrachtung waren wir uns einig: Die aktuelle Stellung der Sterne nähert sich der beschriebenen Konstellation.
Unweigerlich stellte sich die Frage, ob wir es hier mit einem weiteren dunklen Werk Liskoms – oder eines anderen Schergen Borbarads – zu tun haben.
Anjun und Gryox beschlossen, sich auf die Suche nach dem Zepter zu machen.
Wir selbst wollten uns gerade zur Ruhe begeben, als wir es sahen:
Im Arbeiterdorf brannten Hütten
Und kein Feuer brennt um diese Stunde ohne Grund.