Im Schankraum hatte sich inzwischen Olaus mit einer gusseisernen Bratpfanne bewaffnet. Die Dame dort, er deutete auf die zusammengesunkene Gestalt an einem der Tisch, habe sich bewegt. Da habe er Angst bekommen und zur Bratpfanne gegriffen. Sei das der Geist gewesen? Das konnten wir nicht ausschließen und daher wollten wir auf Nummer sicher gehen: Wir setzten alle in einen Stuhlkreis in die Mitte des Schankraumes und fesselten sie. Ja, sogar den netten Pfarrer! Ich hoffte sehr, dass er mir das verzeihen würde. Und was er, Olaus, nun machen solle, wenn sie sich doch bewegten? Wofür habe er sich denn die Bratpfanne geholt? Da nickte der Privatdetektiv ernst. Außerdem könne er ja schreien, um uns darüber zu informieren und im Notfall, ganz schnell weglaufen. Wirklich vertrauenswürdig war unser Rat nicht.
Mit dem Schlüssel des Wirtes suchten wir zuerst das Zimmer von Sophias Mutter, Nora, auf. Das Zimmer war nicht sonderlich groß. Eine dicke Staubschicht lag über allen. Neben einem Bett, gab es einen Schrank, einen Schminktisch, ein Bücherregal und viele Bilder an den Wänden. Sie zeigten Schauspieler in Kostümen und Musiker mit ihren Instrumenten. Alexander klopfte die Wände ab. Ich musterte die Bilder an den Wänden. Dr. Nicklas sah sich indes die Bücher an und fand eines, in das er sich vertiefte. Es gehe um Geister, erklärte er, und den Geist, mit dem wir es vermutlich hier zu tun hatten, könne ein Draug sein. Dieser sei ein geplagter, von Hass getriebener Geist, dem Unrecht widerfahren sei. Er habe scharfe, spitze Zähne und skelettartige Finger mit langen Klauen. Mittels einer geisterhaften Umarmung könne er das Leben aus einer Kreatur ziehen. Außerdem könne er Menschen, auch eine große Anzahl, magisch kontrollieren. Wir sollten also schnell und vorsichtig zugleich sein. Der Draug müsse auf einem Friedhof begraben werden, dabei müssen man die Knochen über die Friedhofsmauer tragen und ein Kreuz am Grab anbringen. Falls er dort schon liege und noch immer keine Ruhe fände, dann müsse man die Knochen sogar dreimal über die Mauer tragen und ihn dann mit Kreuz begraben. Man könne aber auch verhindern, dass er es vor Sonnenaufgang zu seinem Körper zurückschaffe, nur wie bewerkstelligte man das bei einem Geist?
Daneben fanden wir Noras Tagebuch. In diesem berichtete sie von einem Geist, der wiederholt „Pyri“ gerufen habe, von grässlichen Albträumen und der zunehmenden eskalierenden Gewalt ihres Mannes ihr gegenüber. Irgendetwas allerdings hatte sie sich vor vielen Jahren, vor der Geburt ihrer Tochter, zuschulden kommen lassen. Dann hatte sie es einfach nicht mehr ausgehalten. Sie war fortgegangen, bevor er sie noch umbrachte. Ihre Tochter hatte sie nachholen wollen.
Obwohl die Zeit drängte, versuchten wir uns alle etwas zu beruhigen, um uns auf das, was da kommen würde, zu konzentrieren. Ich spielte einige Lieder auf meiner Nyckelharpa. Danach holten wir einen Spaten und eines der weißen Laken von den Betten und gingen in den Garten hinaus. Hier sollte er ja liegen, der Tote. Es war der alte Herr, dem als einziger etwas im Garten auffiel. Dieser Erdhügel dort, er deutete darauf, sei noch nicht lange hier. Höchstens ein Jahr. Vielleicht habe man den Geist beim Bau des provisorischen Erdkellers geweckt? Wir suchten den Keller auf, verkeilten die Tür mit einem Holzklotz, damit wir nicht eingeschlossen wurden. Von außen wirkte er nicht sonderlich groß, als wir jedoch eintraten, schien er innen zu wachsen, wurde riesig. Drinnen stapelten sich Vorräte in Regalen. Ein seichter Wind trug eine Stimme an uns heran. Albert, rief sie, Albert, mein Lieber. Warum hast du zugelassen, dass Pyri mich tötet? Dabei warst du alles für mich. Alles! Ablehnen war mein Recht. Mein gutes Recht. Warum hast du mir das angetan? Die Stimme kam von weiter unten aus dem Keller. Wir stiegen die Treppe hinab. Von unten stieg ein gammeliger Geruch empor. Die Lebensmittel dort waren allesamt verdorben. Und plötzlich sah ich einen jungen Mann im Keller. Es war ein hübscher, junger Mann mit glänzenden Augen. Ein weiterer Mann trat aus dem Schatten zu ihm. Die Augen des hübschen Mannes richteten sich auf ihn. Da trat jemand von hinten an ihn heran und stach ihm das Messer in den Hals. Blut spritze heraus. Der Mann gurgelte. Er schrie. Und stürzte zu Boden. Da fiel er in sich zusammen und sein Körper verfaulte. Mir wurde übel, ich sprang verängstigt hinter Dr. Nicklas. Wie sollten wir damit fertig werden? Es war aussichtslos. Es war hoffnungslos. Was das werden solle? Er sei doch groß und stark und könne mich gewiss beschützen? Fragend schaute mich der Arzt an. Habe … habe … habe er das etwas gar nicht gesehen? Hatte er nicht, dafür aber Alexander. In wenigen Worten berichteten wir von der grausamen Tat. Der Adelige konnte ihm sogar die Stelle zeigen, wo wir es gesehen hatten. Oscar, meinte er, sei der Tote und Albert sei Teil des Komplottes gewesen. Wir erinnerten und an die durchsuchten Mitgliederlisten der Gesellschaft und auch daran, dass es ab einem bestimmten Punkte viel Austritte gegeben haben musste. Es schien fast so, als habe die Gesellschaft sich in zwei Lager gespalten. Alexander wusste noch, dass das meiste davon Priester oder so gewesen waren.
Mit dem Spaten grub dann nach dem Skelett. Der Geist beschwerte sich. Alexander beschwichtigte. Wir hätten gute Absichten, wollten ihn in geweihter Erde bestatten, damit er endlich Ruhe finden könne. Es brauche einiges an gutem Zureden, bis der Draug mit seinem Gezeter und Gejammere aufhört und seinen Worten Glauben schenkte. Seine Gegenwehr erstarb. Nun packte der Adelige die Knochen in das Bettlacken und augenblicklich verlor der Keller seine beängstigende Größe. Was aus Albert geworden sei, wollte der Geist wissen. Das könne er nicht sagen, wolle dem aber nachgehen und im später Bericht erstatten. Dann gingen wir hinaus. Irgendwie verirrte sich meine Hand in die des Arztes, ich verstand selbst nicht warum. Könne er den Pfarrer wecken, damit wir ihn bestatten könnten? Ja, erwiderte der Geist.
Auf halbem Weg zum Schankraum kam uns Olaus aufgelöst entgegen. Sie hätten sich alle bewegt, waren kurz davor gewesen sich zu befreien, da hätte es plötzlich aufgehört. Was geschehen sei? Wir hätten den Verursacher des Schreckens gefunden. Außerdem sei der Pfarrer gerade erwacht. Wir eilten hinein, befreiten den Pfarrer von seinen Fesseln, wobei ich ihm einen entschuldigenden Blick zuwarf und baten ihn darum, eine ruhelose Seele auf dem Friedhof zu bestatten. Und obwohl die Nacht bereits fortgeschritten war, brachen wir auf. Eine ganze Stunden brauchten wir, um zur Kirche mit dem Friedhof zu gelangen. Es war kalt und regnerisch. Dort trug Alexander die Gebeine über die Mauer. Der Pfarrer guckte irritiert drein. Das sei so brauch, erwiderte der Adelige, in der Heimat des Toten. Da zuckte er nur mit den Schultern und wir begruben den Toten gemeinsam endlich in geweihter Erde. Als wir das Holzkreuz auf das Grab steckten, schlug es Mitternacht. Folgenden schrieben wir auf das Kreuz: „Oscar Hjorte – Aus den Schatten, in die Schatten.“ Leise bedankte sich der Geist bei uns. In unserem Tun bestärkt traten wir den Rückweg an, wobei der Pfarrer ins Dort aufbrach und wir in die Hexenkatze. Die Kälte und Nässe der Nacht war verschwunden. Es schien eine ruhige Nacht zu werden. Nach einer Stunde kamen wir in der Hexenkatze an.
Im Gasthaus schien alles wieder wie immer zu sein, nur vielleicht ein klein wenige besser. Es war nicht mehr so kalt wie zuvor. Wärme hatte wieder Einzug gehalten. Der Wirt schien sich an nichts zu erinnern, räumt mit seiner Tochter gerade die Schankstube auf. Die Gäste waren bereits gegangen. Wir gingen auf unsere Zimmer und legten uns in die Betten. Die Nacht verlief ruhig. Am nächsten Morgen gaben wir Olaus Klint noch unsere Adresse, da er uns gerne mal Besuchen kommen wollte. Mit vereinten Kräften schafften wir es gerade noch rechtzeitig Sami zu überzeugen, seine Tochter gehen zu lassen. Sie reiste mit wenig Gepäck mit uns in der Kutsche in unser baufälliges Schloss zurück. Ob sie wusste, worauf sie sich da eingelassen hatte? Immerhin musste sie dort keine Schläge mehr fürchten! Fortan würde Sophia im Gesindehaus wohnen und bei uns im Haushalt und damit auch Gustav helfen.