Olporter Tagebuch – Gier – Neubeginn – 20. BOR 1016
Olporter Tagebuch – Gier – Neubeginn – 20. BOR 1016

Olporter Tagebuch – Gier – Neubeginn – 20. BOR 1016

Da du dein Tagebuch ja immer für alle zugänglich herumliegen lässt, was aus meiner Sicht dem eigentlichen Zweck eines Tagebuchs zu wieder läuft, schließlich ist es ein Ort um höchst persönliche Gedanken festzuhalten, die nicht jedem zugänglich sein sollten, werde ich, Aurelia Glorificata von Gareth, heute den Eintrag verfassen, schließlich muss ich sicherstellen, dass du dir der Ereignisse des heutigen Tages wirklich auch gewahr bist.

Dieser Tag begann mit meinem morgendlichen Sonnengruß im »Zum alten Sünder« in Anderath. Auch heute rümpfte ich die Nase über das Frühstück und hielt mich lediglich an Kräutertee. In Baliho hatte ich alles noch auf den erbärmlich stinkenden Fisch Celissas schieben können, aber auf der Reise hatten die fragenden Blicke der anderen zugenommen. Manch ein wissender Blick war auch darunter. Ich wusste, dass mir nicht mehr viel Zeit für die Wahrheit blieb, dabei ist mein Herr doch Verfechter derselbigen.

Die Reise nach Baliho war unerträglich. Diese Fahrten in der Kaleschka machen mich richtig krank: Die stickige, heiße Luft, der Geruch nach Schweiß und Essen und die viel zu vielen Mitreisenden, darunter auch dieser tulamidische Zauberzausel. Einzig du, Hjore, hast es irgendwie für mich erträglich gemacht.

Wenn ich nicht schlief, dachte ich über Liscom von Fasar nach. Inzwischen solltet ihr alle begriffen haben, dass er auch dieses Mal seine Finger im Spiel hat. Ja, keiner hatte mir so recht glauben wollen, aber ich hatte es die ganze Zeit über vermutet und das, obgleich ich seinen Schädel in der Hand gehalten hatte. Mit den Informationen des Tulamiden konnte ich mir so einiges zusammenreime: Liscom war seinen Aussagen nach ein Nachtalp. Ein bösartiger Geist. Die ruhelose Seele eines Verbrechers. Eines Frevlers. Sein Streben galt einem Körper, dem er auch Borbarad zuteilwerden lassen wollte. Und dafür brauchte er Lebensenergie. Entweder von einem Beschwörer oder aber über Alpträume. Liscom war – bedauerlicherweise – kein Dämon und damit war jeglicher Exorzismus absolut wirkungslos. Dass ich mir je wünschen würde, lieber einem Dämon gegenübertreten zu dürfen? Er war ein Geist und gegen die konnte ich wenig tun. Ich konnte mich und vielleicht auch andere kurzzeitig gegen seine schändliche Magie schützen oder aber mit dem Herbeirufen vom Auge Praios‘ jegliche Magie für einige Zeit bannen – was dich, Hjore, nicht sonderlich freuen dürfte – und ihm dadurch zweifachgeweihtem Boden aussetzen, was ihm gewiss schaden, vielleicht ihn sogar tötete würde, aber nicht seine Wiederkehr verhindert. Daneben könnte der Schutzsegen uns gute Dienste gegen den Angriff von Vampiren, vielleicht sogar gegen den des Nachtalps Liscom leisten.

Am späten Nachmittag erreichten wir dann endlich Gut Parinor in Baliho. Noch nie in meinem bisherigen Leben war ich so froh gewesen, Schnee unter meinen Stiefeln zu haben. Drinnen wurde der gute Rondrigo bereits von seiner Gattin sehnlichst erwartet. Seine Schwiegertante war immer noch zu gegen. Vermutlich würde sie auch nicht vor dem nächsten Tsa aufbrechen. Der tulamidische Zauberzausel erhielt sogleich ein Zimmer, während wir anderen uns im Speisezimmer versammelten. Heute gab Lowanger Saure Wurst und Saubohnen mit Speck. Mir wurde schlecht. Ich bat um etwas Magenschonenderes und erhielt eine Brühe mit einem Kanten Brot sowie Tee. Ich kam aber nicht dazu, etwas davon zu essen oder auch nur zu trinken, denn die Wurst wurde aufgetischt und mir wurde so elend, dass ich fürchtete mich sogleich auf Rondrigos gutes Parkett… Übereilt erhob ich mich und lief hinaus. Leider nahm ich die nächstbeste Tür und fand mich bei dem von Gryox und Vayah gepflanzten und magisch herangewachsenen Apfelbaum wieder. Die unerbittliche Kälte schlug mir entgegen, zwar war der Geruch weg, die Übelkeit aber nicht. Noch immer stand mir der kalte Schweiß auf der Stirn. Vermutlich musste ich mehr wie eine Untote ausgesehen haben, so blass, schwach und krank wie ich mich in diesem Augenblick fühlte.

Dir, Hjore, war das natürlich nicht entgangen. Du warst mir gefolgt. Und du hast Fragen gestellt. Es war dein Recht eine Antwort zu erhalten und endlich die Wahrheit zu erfahren, die mir schon einige Zeit bekannt war und die ich dennoch noch nicht so recht begreifen konnte. An das Gesprochene kann ich mich nicht mehr genau erinnern, wohl aber an dessen Inhalt.

Mein liebster Hjore, die Herrin Rahja hat uns verbunden und die Herrin Tsa diese Verbindung noch bekrönt. Du wirst Vater. Ich werde Mutter. Wir werden eine Familie. Irgendwie zumindest. Ich weiß noch nicht, wie. Noch nicht ganz wo. Ich weiß aber, dass es so sein wird. Und irgendwie steht es der Schönen Göttin und ihrer Schwester gut zu Gesicht etwas zu vereinen, was so grundverschieden ist. Mein Herr wird nicht dagegen sprechen, sofern ich seinen Geboten weiter folge. Doch da ist noch meine Kirche. Es wird nicht jedem dort gefallen. Du bist ein Magier, du trägst das Almadiner Auge und da ist ja auch noch Greifwin. Vor ihm fürchte ich mich am meisten, er steht über mir und deswegen werde ich nicht ruhen, bis ich meine Kirche hinter mich weiß, bis ich den Boten des Lichts hinter mir weiß. Dann kann er mir noch grollen und dazu hat er jedes Recht, vielleicht auch gelegentlich sabotieren, mehr aber auch nicht. Nun, seit Dragenfeld war es ohnehin recht schwierig, mit ihm, aber auch mit dem ein oder andren aus meiner Kirche. Manche haben mich als Frevlerin beschimpft, dabei haben wir Schlimmeres verhindert. Des Weiteren hoffe ich auf die Unterstützung der anderen Kirchen, auf die von Amando Laconda da Vanya sowie des weidener Herzogs. Ungewiss ist auch, was meine Tante darüber denkt. Du sprachst wieder von Kendrar. Dass unser Kind dort sicher sei. Gerade vor Bannstrahlern. Und natürlich auch Elene. Ja, Elene. Ich gestand dir ein, dass ich mir nie sicher gewesen war, von wem die Herrin Tsa mir genau meine Erstgeborene geschenkt hatte. Sie war ungefähr neun Monde nach der letzten Schlacht des Dritten Orkensturms geboren. Die Siegesfeier war einfach berauschend und alles hat sich irgendwie verselbstständigt, dabei war eigentlich immer Rorlik derjenige, der mit mir den Rahja-Tempel aufsuchen wollte, doch an diesem Abend war er dafür schon viel zu betrunken. Es bliebst also du. Greifwin war weit fort. Es gibt keine Gewissheit. Aber es ist möglich, dass auch Elene thorwalsches Blut in sich trägt. So wie auch jenes Kind, das ich jetzt unter meinem Herzen trage. Natürlich fürchte ich den Nachtschattenturm. Er kann uns nehmen, was Tsa uns geschenkt hat. Aber er kann auch unser aller Verderben sein. Ich fürchte um Elene, werde einen Brief im Praios-Tempel am nächsten Morgen hinterlegen.

Unbändige Freude stand nach meiner Eröffnung in deinem Gesicht. Und natürlich Liebe. Du wolltest mir Kendra zeigen. Deine Sippe oder sagte man Familie? Ich sollte alle treffen. Elene könne dort gemeinsam mit ihrem Geschwisterchen aufwachsen. Gut behütet und beschützt. Ich könne einen Praios-Tempel errichten. Wir ergaben uns Träumen hin und wussten doch beide, dass uns vermutlich die Zeit dafür nie vergönnt sein würde. Wir taten es trotzdem. Dachten an einen Bund, aber wer sollte den zwischen einem Magier und einer Praios-Geweihten schließen? Mir fiel nur Schwester Linai ein, die war in allem unerschrocken und würde uns sicher anhören. Unverbindlicher und damit unproblematischer war da nur ein Rahja-Bund. Aber mit meinen Gedanken bin ich bereits viele Schritte vorausgeeilt. So wie auch du, als du vor mir auf die Knie fielst und mir die Axt deiner Mutter anbotst. Du hattest sie natürlich nicht dabei. Sie lag in Kendra. Keiner von uns hatte daran gedacht, dass sich neben Rahja nun auch Tsa in unsere Leben einmischte. Manche schenkten ihren Liebsten goldene Ringe, bei dir musste es natürlich gleich eine Axt sein. Ihr Thorwaler fallt wohl nicht mit der Tür ins Haus, sondern gleich mit der Axt in der Tür.

Wie dem auch sei, das Versteckspiel hat jetzt ein Ende. Hjore, ich liebe dich! Ich liebe dich, ganz gleich wie oft du Kreide holen warst und ich schätze, dass es zu oft war. Und dass ich dich liebe, darf auch jeder wissen. Alles andere wird die Zeit zeigen. Jetzt gilt es zunächst das Magnum Opus zu verhindern und lebendig den Nachtschattenturm zu verlassen. Praios steh uns bei!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.