Ungläubig und von bloßem Entsetzen gelähmt standen wir alle da. Liscom und Pardona hatten gerade vor unseren Augen Borbarad einen Körper geschaffen. Borbarad war wieder da. Er war zurück gekehrt. Er war wieder da. Er war wieder … da. Borbarad war wieder … zurück. Er war … da. Er … stand vor uns! ER! BORBARAD!
Stolz belächelte Pardona ihr Werk. Borbarad ließ seine Hand mit einer schneidenden Bewegung durch die Luft sausen. „Vergiss es Pardona“, erklärte er mit fester, rauer Stimme und lachte dabei kehlig, „Ich bin nicht interessiert. Du warst der Schlüssel zu einem Tor, das ich ohnehin binnen Jahresfrist zerschlagen hätte. Du hast es nur beschleunigt.“ Da zerfiel einer der Wände des Turmes zu Staub und Borbarad sprang behände ohne ein weiteres Wort zu sagen hinaus.
Pardona wandte sich uns zu. Glühender Zorn lag in ihren Augen: „Das ist eure Schuld!“ Erneut rief sie einen Grakvaloth herbei. Wir konnten sein bedrohliches Knurren hören. Und wir konnten ihn sehen. Hjore rief einen Luft- und Gryox einen Erzdschinn, während Rondrigo, Armatio und ich versuchten in den Raum hineinzugelangen und zu Pardona und Liscom vorzudringen, die aber hinter dem Dämon standen. Des Ungetüm griff Rondrigo an, der gerade noch so ausweichen konnte. Vayah mischte sich in den Kampf ein. Sie war nun die einzige mit einer magischen Waffe. Und ich kam einfach nicht zu dem Miststück Pardona durch, so sehr ich es auch versuchte. Dieser verfluchte Kreatur aus den Niederhöllen blockierte einfach den Weg. Ein Wasserdschinn versuchte sich in den Kampf einzumischen. Anjun warf einen Dolch auf Pardona. Der Erzdschinn begann eine Mauer zwischen uns und den Grakvaloth zu errichten. Wiederholt saß ich Vayah im Augenwinkel und unter der Deckung Rondrigos den Dämon angreifen. Pardona murmelte etwas, da wurden die Dschinne allesamt zerfetzt. Luft, Wasser und Erz stoben durch den Raum. Im selben Augenblick schaffte es die Elfe, den Dämon zu töten. Purpurnes Ektoplasma flog mit einem übelkeitserregenden, kaum zu ertragenden Gestank herum und bedeckte einfach alles. Liscom nutzte die Gelegenheit und sprang genau an der Stelle aus dem Turm, an der Borbarad die Wand hatte zu Staub zerfallen lassen. Armatio sprang ihm hinterher. Rondrigo versuchte Pardona anzugreifen, da ließ sie ihn zu Stein erstarren und verschaffte mir und Anjun so die Möglichkeit, sie anzugreifen. Wir konntes sie beide verletzen. Ihre Haut einritzen. Irritiert blickte die Namenlose uns an. Verwunderung stand in ihren Augen. Hatte sie etwa nicht erwartete, dass eine eifersüchtige Frau sich dafür rächte, dass sie ihrem Geliebten die Zunge in den Hals gesteckt hatte? Und das noch gegen seinen Willen? Sicherlich hatte sie in verzaubert. Sicherlich. Er stand nicht auf Elfen. Mit einer eleganten Bewegung zog sie ihre Fiebel aus ihrem Umhang, der daraufhin zu Boden sank und sprang splitternackt aus dem Turm, nicht allerdings ohne vorher noch etwas zu rufen. Der Umhang flatterte zu Boden. Ein weißes, zartes Gewebe. Hauchdünn. Wenig darauf, sahen wir einen Drachen draußen hinaufsteigen.
Einen Moment war es still. Ungläubig verharrten wir alle. Dann begannen sich skelettartige Hände, vermodernde Tentakeln, messerscharfe Krallen und geifrige Mäuler aus dem Stein nach uns zu greifen. Sie versuchten uns zu packen, festzuhalten und und hinabzuziehen.
Wir eilten in den Raum mit dem Erzvampir. Doch der war nicht mehr da. Bei Praios, was war hier nur geschehen? Warum hatten wir nichts ausrichten können? Wir hatten weder Borbarads Rückkehr verhindert, ja nicht einmal den Erzvampir getötet! So schnell wir konnten versuchten wir aus dem Turm herauszukommen, den Mäulern, Krallen, Tentakeln und Händen zu entkommen. Manche schaffte es trotzdem uns zu packen, uns zu verletzen. Die Knöchel waren blutig und zerkratzt. Mit dem Boot flohen wir an Land zurück. Hjore hatte Pardonas Umhang mitgenommen. Gerade schob sich die Praiosscheibe über den Horizont.
An Land schlossen Hjore und ich uns erst einmal in die Arme. Mein Kopfschmerz war weg. Mein flaues Gefühl im Magen nicht. Armatio kam zu uns zurück. Er habe Liscom im aufkommenden Morgennebel verloren. Hjore sprach wieder von Maraskan und das Borbarad dort hätte wiederkommen müssen. Ich seufzte. Und wir warteten. Warteten bis die Praiosscheibe ganz aufgegangen war, eher wir uns wieder dem Turm näherten. Sowohl Gryox als auch Hjore beobachteten den Turm und letzterere war mal wieder blind. Hatte ich mir das wirklich gut überlegt? Ich seufzte.
Gemeinsam mit meinen (nicht geblendeten) Gefährte räumte ich die Paraphernalien meines Herrn aus dem Turm, schleppten alles zur Kaleschka zurück und verstauten es dort. Ich musste lachen. Irgendwie wirkte das, als hätten wir einen Praios-Tempel überfallen und ausgeräumt.
Weil die anderen, darunter auch mein Hjore, sich über den Umhang Pardonas unterhielten – ein edles Stück aus weißem Bauch mit ansehnlichen Stickereien – und im Anschluss ihre Schönheit priesen, setzte ich mich zu Boril. Ich fühlte mich nicht nur erschöpft sondern auch gescheitert. Wir hatten nichts bewirkt. Den Erzvampir Walmir von Riebeshoff hatten wir nicht getötet. Liscom hatten wir nicht getötet. Pardona hatten wir nicht getötete. Und Borbarads Rückkehr nicht verhindert.