Nachdem alle meine Brüder und Schwestern mir zu meiner Erhebung im Angesicht unseres Herren beglückwünscht hatten, ging ich zu meinen Freunden. Wie gut Erzogene, auf manche von ihnen traf das ja in der Tat sogar zu, hatte sie gewartet, bis sie an der Reihe waren. Hjore war natürlich der Erste. Askir war noch immer unruhig. Vielleicht war er auch einfach nur hungrig? Danach folgte Rondrigo, Armatio, Anjun, Vayah und Gryox, der mir zur Feier des Tages ein kleines Beutelchen voller Bernstein mitgebracht hatte. Ich bedankte mich bei jedem von ihnen, dass sie bei diesem so wichtigen Ereignis an meiner Seite gewesen waren. Gerne wollte ich sie zu einem gemeinsamen Frühstück einladen. Es war ja noch recht früh am Tag. Wenig nach Sonnenaufgang. Da trat eine junge Novizin an mich heran und bat mich zu einem kurzen Gespräch zu Amando. Ob sie sich in Greifenfurt auskenne? Sie sei ein Mündel des Tempels und kenne sich daher recht gut aus. Kenne sie ein gutes Gasthaus? Das Mädchen riet zum Gasthaus »Drei Kronen«.
Die Novizin, deren Namen Aargunde lautete, brachte mich im Anschluss zu Amando. Das kecke Lächeln auf seinen Lippen, sprach Bände. Aargunde, die im Orkensturm ihre Eltern verloren hatte und seit dem Mündel dieses Tempels hier war, eine glühende Verfechterin des Gerechten, der Magie genauso verhasst war wie unserem Herrn höchst selbst, sollte meine Novizin werden. Und während ich schluckte, wurde Amandos Lächeln nur noch breiter. Dieser Inquisitor hatte den Schalk im Nacken. Aargunde und ich betrachteten einander. Abzulehnen, kam nicht infrage. Der Götterfürst erwartete gehorsam. Von jedem von uns. Von der Novizin genauso wie von mir. Ob sie wisse, richtete ich das Wort an sie, dass ich mit einem Magier im Traviabund stünde? Das Mädchen nickte. Der Widerwille war ihr anzusehen. Des Weiteren gäbe es da zwei Naturmagier unter meinen Gefährten, einen Zwerg und eine Elfe. Sie würde sich schon daran … gewöhnen, erwiderte sie pflichtbewusst. Aber ihren Worten konnte man entnehmen, dass sie sich wohl daran gewöhnen würde müssen. Erneut schluckte ich und nickte. Gut, schloss ich gegenüber Amando, der mich immer noch lächelnd anschaute, es sei mir eine große Ehre, ich würde mein bestmögliches in der Ausbildung Aargunde geben. So, wie ich es immer tat. Genaugenommen sah ich vor allem eines vor mir: Eine Menge Probleme. Gerade als ich mich verabschieden wollte, merkte Amando noch an, dass Bruder Anshelm mich noch gerne in einer Angelegenheit sprechen wolle. Ich solle ihn doch die nächsten Tage aufsuchen.
Mit Aargunde an der Seite kehrte ich zu meinen Gefährten zurück und teilte ihnen mit, dass sie fortan an meiner Seite sein würde. Wirklich glücklich sahen dabei weder Aargunde noch meine Gefährten aus. Das Mädchen war jung und die Gefahr, in die wir uns immer wieder mehr oder weniger freiwillig hineinbegaben, groß. Konnte ich sie dem wirklich aussetzen? Und ganz gleich wie sehr ich sie zu schützen versuchte, würde nicht ihre Anwesenheit an meiner Seite alleine ausreichen, um den Zorn unserer Feinde auch auf sie zu ziehen?
Im Anschluss brachte das Mädchen uns zum Gasthaus »Drei Kronen«. Das Gasthaus selbst war ein gut geführtes, sehr schönes Fachwerkhaus. Am Eingang grüßte uns ein Wachmann. Drinnen verkehrte nur die bessere Gesellschaft. Wir wurden höflich empfangen, begrüßt und erhielten einen Platz an einer großen Tafel. Gryox wollte noch gerne an einem Geodentreffen an diesem Tag teilnehmen. Er sei zwar schon auf dem letzten gewesen, aber die Entscheidungsfindung unter den Geoden dauerte wohl länger. Wir redeten über die Zeremonie, über die Ereignissen in Weiden und auch, was ein jeder zwischen Greifenfurt und Weiden getan und erlebt hatte. Hjore wurde vermisst. Er hatte Askir sicher zur Amme gebracht. Der Knabe hatte meine Brust stets verweigert. Dieses Scheitern schmerzte, aber ich war überzeugt, dass Liscom, Pardona oder Borbarad oder alle zusammen dafür verantwortlich waren. Sie hatten mein Kind verflucht. Und ich konnte nicht mehr tun, als es zu ertragen und Demut zu zeigen. Es fiel mir schwer. Da alle hungrig waren, aber das Essen noch nicht gekommen war, schickte ich Aargunde nachsehen. Aus der Küche drang dann ihre Stimme zu uns herüber. Es ging um Praios‘ Ordnung, in der jeder seinen Platz hatte. Dann ging es mit dem Essen plötzlich recht schnell.
Einige Tage später hatten wir gerade die Herberge »Greif« verlassen, um uns auf den Weg zum Praios-Tempel zu Hochwürden Anshelm zu begeben, als wir an einer Baustelle vorbeikamen und ein Pfiff ertönte. Nur einen Moment später krachte eine große Palette mit Steinen wenig hinter uns auf die Straße. Die Steine zerbrachen, Fragmente prasselte um uns herum. Den Göttern sei Dank, wurde niemand verletzt. Bei Praios, entfuhr es mir zornig, sie sollten gefälligst besser aufpassen! Während ich noch schimpfte und mich auf Praios‘ Ordnung berief, eilte ein Arbeiter herbei und erklärte, dass er sich das nicht erklären können. Natürlich nicht! So was kann sich nie jemand erklären! Sie hätten die Seile geprüft, die seien in Ordnung gewesen. Warum dieses Seil gerissen war, verstünde er einfach nicht. Die anderen indes, allen voran Gryox, hatten sich einem verwirrt aussehenden Zwerg mit zerzaustem Bart und fahrigen Blick zugewandte. Man erklärte uns, dass er Arthag hieß und vollkommen harmlos sei, lediglich ein bisschen verrückt. Ja, durchfuhr es mir nur bitter, das hatten wir alle von meinem abgefallenen Glaubensbruder damals auch geglaubt. Er murmelte etwas von Brüdern, die es heimzuführen galt. Schwester Boronhild kümmere sich um Arthag. Leider entziehe er sich ihr aber immer wieder. Ob wir ihn zurückbringen könnten? Gryox willigte sofort ein. Es handelte sich nicht nur um einen Angehörigen seines Volkes, sondern auch um jemand, der seiner Fähigkeiten in der Seelenheilkunde bedurfte. So war es also entschieden.
Mit Armatio und Rondrigo setze ich meinen Weg in den Praios-Tempel fort, wo wir bereits von Hochwürden Horninger erwartet wurden. Aargunde war natürlich auch an meiner Seite. Seltsame Ereignisse würden im Kloster Arras de Mott geschehen, eröffnete der Prätor uns. Nach dem Überfall der Orks sei es arg in Mitleidenschaft gezogen und müsse nun wieder aufgebaut werden. Doch es gäbe ungewöhnliche Unfälle auf der Baustelle. Einstürzende Gerüste zum Beispiel. Aber auch Schlägereien ohne ersichtlichen Grund. Ich konnte nicht anders, ich musste an Dragenfeld denken; waren die Menschen damals nicht auch ungewöhnlich aggressiv gewesen? Das schlimmste jedoch sei, dass ein Mordanschlag auf seinen guten Freund Nicola de Mott verübt worden sei. Auf seiner Rückreise von Gareth, er habe sich zuvor beim Boten des Lichts für die Unterstützung des Ausbaus des Klosters eingesetzt, sei er unweit von Greifenfurt während der Namenlosen Tagen von Mordbuben überfallen worden. Zudem sei bei einem Orküberfall der Proviantmeister des Ordens der Hüter Emmeran angegriffen und Bruder Ansgar getötet worden. Das alles käme ihm seltsam vor. Da stimme etwas nicht. Er könne sich aber nicht vorstellen, was genau dort vor sich ginge und er könne doch seinen Tempel hier nicht verlassen. Er wisse von dem, was wir, meine Gefährten und ich, vollbracht hätten. Könnten wir uns die Sachen genauer ansehen? Wir willigten ein, das mit den anderen zu besprechen. Er wirkte beruhigter. Anfang Rondra würde eine Reisegruppe zum Kloster aufbrechen, der wir uns anschließen könnten, damit es nicht allzu auffällig erschien. Unterbringung und Verpflegung würden wir im Kloster erhalten. Die Reise würde sicherlich 4–5 Tage dauern.
Wir kehrten in die Herberge »Greif« zurück, wo wir auf die anderen um Gryox trafen und die erhaltenen Erkenntnisse austauschten. Arthag, der Zwerg, habe einst ein Zimmer mit Uriens, dem Verrückten und Entstellten, bewohnt. Auch Urien sei geistig verwirrt gewesen, habe Prophezeiungen gefaselt. Arthag habe sie übernommen. Die gesamten Wände des Zimmers seien mit Kohle und Kreide beschmiert, das meiste sei kaum zu entziffern gewesen. Nur eines war deutlich zu lesen: »Sieh die Zeichen, dessen, der kommt von Osten. Wehe, wenn das Vergangene nach der Zukunft greift, denn höre, finster ist das, was im Finstren reift.« Arthag haben Gryox ein Gedankenbild geschickt. Er habe eine lichtlose Grotte tief in Sumus Leib gesehen. Da sei auch ein Schiff gewesen, das mit der Höhle verschwommen sei. Dazu immer wieder die Worte des Verrückten, dass Brüder heimgeführt werden müssten. Gryox glaubte, dass es Zwerge zu finden galt, vielleicht sogar von einem verlorenen Stamm. Doch es gab zu wenig Hinweise. Wo sollten wir mit unserer Suche beginnen? Wo sollte diese lichtlose Grotte mit dem Schiff sein? Außerdem war dieser Arthag ein Verrückter. Woher nahmen wir die Gewissheit, dass da wirklich mehr dran war? Vielleicht hatte er Gryox ja auch einfach nur verzaubert mit seinen Gedankenbildern und das alles war nicht mehr als ein Wahn. Ohne weitere Hinweise reichte mir das einfach nicht aus.
Dann sprachen wir über das Kloster Arras de Mott und auch darüber, dass mich das alles an Dragenfeld erinnerte, wobei ich nicht über Dragenfeld an sich sprach. Armatio wies zurecht darauf hin, dass die Reise während der Namenlosen Tage stattgefunden hatte, seien diese nicht eben für solche Ereignisse bekannt? Ich musste ihm recht geben. Aber dass da etwas vor sich ging, war offensichtlich. Vielleicht war sogar jemand vor Ort dafür verantwortlich. Ich schloss nichts mehr aus. Erst recht nicht, dass mal wieder Liscom seine Finger im Spiel hatte. Wenig darauf entschuldigte sich Aargunde und Anjun nutzte die Zeit, um die Aufrichtigkeit und Loyalität meiner Novizin infrage zu stellen. Was, wenn sie uns nur ausspioniert? Viele Dinge seien sicher nicht für ihre Ohren bestimmt! Und aus dem Zusammenhang gerissen, könne uns jeder mit einer Aussage aus ihrem Mund in große Schwierigkeiten bringen. Kurzum, dem Mädchen sei nicht zu trauen und das meiste was wir besprachen aus verschieden Gründen nicht für ihre Ohren bestimmt. Ich schickte Aargunde zunächst in den Tempel zurück. So sehr Anjun auch recht hatte, so sehr hatte er auch unrecht. Hinter allem schien er ein Komplott, ja gar eine Verschwörung zu vermuten, dabei erforderte der Dienst an Praios nicht nur Aufrichtigkeit, sondern auch Gehorsam. Etwas mehr Demut vor den Göttern täte auch ihm gut. Und so versuchte ich jene Demut zu zeigen, an der es dem ein oder anderen mangelte.