Die Nacht war bereits weit fortgeschritten. So entschieden wir nicht an das Haus der Skytts zu klopfen, sondern Dr. Nicklas warf Steinchen an das Fenster des rothaarigen Wildfangs. Da öffnete sich plötzlich das Fenster, doch es schaute nicht Vilhelmina heraus, sondern ihre Mutter Dorotea. Was wir wollten? Und warum wir nicht geschellt hätten? Wir hätten keine Aufmerksamkeit erregen sollen, entschuldigten wir uns. Sie käme runter, erwiderte sie und schloss das Fenster wieder. Wir gingen zur Haustür und wenig darauf öffnete sie uns. Gehetzt bat sie uns herein und schloss sogleich die Tür wieder. Sie hatte sich nur eilig einen Morgenmantel übergeworfen. Sei uns jemand gefolgt? Nein, versicherten wir, dort draußen sei nichts und niemand. Was wir hier mitten in der Nacht wollten? Wir bräuchten eine kundige Führerin, die sich im Dorf und darum herum auskenne, wir hatten dabei an ihre Tochter gedacht. Energisch schüttelte Dorotea ihren Kopf. Nein, erwiderte sie entschieden, ihre Tochter habe damit nicht zu schaffen, sie müsse dringend aus dieser ganzen Angelegenheit herausgehalten werden. Vielleicht könne sie uns helfen? Alexander zeigte ihr die Steintafel. Wo wir die gefunden hätten? In der Kirche. Sie habe das Läuten gehört. Ja, dieses Mal habe es den Priester erwischt, platzte es aus mir heraus. Wie entsetzlich, entfuhr es ihr. Und, wollte nun der gutaussehende Gelehrte wissen, kenne sie den Ort? Entnervt rollte sie mit den Augen. Der Eingang zur Höhle befände sich auf dem Friedhof bei den großen Steinen. Es sei genau so, wie es dort stünde, was sei eigentlich unser Problem? Also, Alexander schlug einen harten Ton an, finde sie nicht, dass es jetzt endlich Zeit sei, uns die ganze Geschichte zu erwählen? Märta sei vollkommen verrückt geworden. Mit ihren bescheuerten Ideen habe die Karström einige Anhänger gefunden, die sie bedingungslos unterstützten und alles mittrugen. Alle anderen habe sie so eingeschüchtert, dass niemand mehr auch nur das Wort gegen sie erhob. Sie sei es, die das Untier kontrolliere. Und was habe es sich denn mit dieser Kreatur auf sich? Es habe einen Preis, dass sie Flüsse hier stets voller Fische seien, der Wald voller Wild und die Bäume besonders gutes Holz hätten. Und er wäre? Nun, sie räusperte sich, der Preis sei ein Menschenopfer pro Jahr. Fassungslos schüttelte ich den Kopf. Wie bitte? Hatte ich da gerade richtig gehört? Dann stimmte es also, was man sich über die Bewohner des Dorfes erzählte: Sie hatten das Blut Gottes an den Händen. Meist seien es Fremde, meinte sie da schulterzuckend, es sei also schon etwas dran, dass Fremde hier immer mal wieder verschwänden.
Alexander reckte mit einer gewissen Genugtuung das Kinn nach oben. Er habe es schon die ganze Zeit gewusst, kommentierte er. Viel zu lange habe sie dem ganzen Treiben zugesehen, viel zu lange, geduldet, was hier geschah, am nächsten Morgen würde sie dieses Dorf hier mit ihrer Tochter verlassen. Ihre Entscheidung sei gefallen.
Könne sie uns zur Höhle bringen? Wenn es denn unbedingt sein müsse, murrte sie. Sie könne uns aber erst gegen Morgen dorthin bringen, vorher streife dort noch die Katze umher. So lange sollten wir uns noch etwas ausruhen. Das taten wir auch. Am nächsten Morgen kramte sie einige braune Roben heraus und übergab jedem von uns eine. Die sollten wir erst später tragen, erklärte sie, und dabei die Kapuzen tief ins Gesicht ziehen, damit uns niemand erkenne. Was sie von dem Treffen am Abend wisse? Nicht mehr als wir auch, erwiderte sie schulterzuckend, lediglich dass es stattfinde. Was uns in der Höhle erwarte? In der Mitte sei ein Pentagramm, in welches das Opfer treten müsse. Dann würde es geschächtet. Das Blut flösse durch Rinnen in das Pentagramm hinein. Und das wüssten alle. Sicherlich ein Drittel des Dorfes, wobei es nur wenige treue Anhänger Märtas gäbe. Inzwischen wollten aber immer mehr, dass das endlich aufhöre. Sie gehöre inzwischen auch dazu.
Bei Sonnenaufgang brachte sie mit uns zum Friedhof auf. Östlich der Kirche gab es drei große Steine, dort gab es einen großen Fels, den Alexander und Birgit zur Seite schoben, wobei der Nicklas recht dusselige im Weg stand. Dahinter öffnete sich eine Höhle. Wir streiften die Roben über und gingen hinein. Der Tunnel führte unter die Kirche. Wir gingen ihn entlang, bis wir sehr wahrscheinlich unter dem Altar des Gotteshauses waren. In der Tat fand sich hier das beschriebene Pentagramm, sowie die Rinnen darin. An den roh behauenen Felswänden stand eine Art Eid dieses mörderischen Kultes: Sie, die Freien schworen mittels Bluteid, die Natur im Namen Gottes zu ehren. Daher böten sie dem Herrgott regelmäßig Opfer dar, damit die Wurzeln und der Boden durch das Blut fruchtbar gehalten würden.
Da wir hier unten keine Platte mit einem fehlenden Ring finden konnten, entschieden wir uns noch einmal in der Kirche umzusehen. So zogen wir die Roben aus, verschlossen den Eingang zur Höhle wieder und gingen in die Kirche hinauf. Dorotea eilte derweil zu ihrem Haus und ihrer Tochter zurück. Die Leiche des Pfarrers war fort. Stattdessen lag dort ein Zettel: Wir sollten das Dorf sofort verlassen, sonst würde auch uns ein schreckliches Unglück widerfahren. Es war die Schrift der Dorfvorsteherin. Da stürmte unerwartet die Skytt herein. Mit schriller Stimme schrie sie uns an: Sie hätten ihre Tochter. Und wir seien schuld daran. Wenn wir nicht sofort verschwänden, dann würden sie sie töten!