Die unheimliche und durchdringende Stimme des Geistes war inzwischen verklungen und der weiße Nebel zu Boden gesunken. Dieser Geist war ganz gewiss kein guter Geist. Er hatte Rache, entsetzliche Rache im Sinn. Sicher war jedoch, wenn er hier umherging, dann musste er hier auch ermordet worden sein. Ob es sich bei dem Geist um den von Oscar Hjorte handelte? Dieses Gasthaus könnte jenes aus dem Stück gewesen sein. Aber wenn der Geist gerade eben erwacht war, warum war es dann bereits jetzt in so einem erbärmlichen Zustand? Und was war mit den schrecklichen Albträumen? Vermutlich war der Geist äußerst langsam aus seinem Schlaf erwacht, mehr vor sich hingedämmert, jetzt allerdings hatten wir ihn aus seinem Schlaf gerissen.
Olaus Klint war aschfahl. Ängstlich blickte er uns an. Was wir denn jetzt täten? Den Geist vertreiben, erwiderte ich und Dr. Nicklas fügte hinzu, alles wie es im Protokoll stünde. Vielleicht wusste der alte Herr ja mehr als ich, aber vielleicht hatte er sich das auch gerade in diesem Augenblick ausgedacht. Zu ihm passen würde letzteres gewiss.
Ohnmächtig lag Sophia hinter ihrem Schattentheater. Dr. Nicklas erbarmte sich schließlich, wenn auch äußerst widerwillig, nach ihr zu sehen. Mit etwas Riechsalz brachte er sie wieder zu uns. Was geschehen sei? Der Arzt wiegelte ab. Sie sei lediglich bei schwacher Konstitution. Könne sie denn mit dem Schattentheater auftreten und in die Fußstapfen ihrer Mutter treten? Sie sei ganz großartig gewesen. Ein wahrhaft wundervolles Stück. In einem kurzen Gespräch konnten wir ihr einige weitere Informationen entlocken: Pyri war der Vater ihres Vaters. Ihre Mutter habe Künstler hier ins Gasthaus eingeladen, der Vater habe das nicht gewollt, er hielt ja nichts von Künstlern, es habe heftigen Streit gegeben und ihre Mutter sei gegangen. Eigentlich habe sie versichert, sie nachzuholen, aber das sei nicht passiert. Dann, vor etwa einem halben Jahr, sei ihre Mutter gestorben. Sie schloss damit, dass sie nun wirklich wieder nach unten zu ihrem Vater gehen müsse. Er dürfte nichts von dem erfahren, was sie hier oben treibe. Sie fürchtete ihren Vater, das war ihr deutlich anzusehen. Vermutlich zurecht, denn einige blaue Flecken verunstalteten ihren Körper. Gewiss war ihr Vater dafür verantwortlich. Mit Worten war diesem Mann nicht beizukommen. Wir ließen sie ziehen.
Zurück blieb eine merkwürdige, drückende Stille. Nicht einmal aus dem Schankraum war etwas zu hören. Das machte uns alle etwas unruhig. Könnte es wirklich sein, dass die Gesellschaft eine Bande von Mördern war? Keiner von uns konnte – nein – wollte sich das vorstellen! Da wurde ich plötzlich wütend. Ich ballte meine Hand zu einer Faust und erhob sie, um zuzuschlagen. Ich hatte einfach nicht beitreten wollen! Die Kunst und die Kunst allein war mir das Wichtigste gewesen! Was hatten sie eigentlich gedacht? Es war mein gutes Recht. Doch sie hatte mich einfach ermordet. Elendig ermordet! Doch so schnell wie die Wut gekommen war, konnte ich sie auch wieder abschütteln. Vor meinem inneren Auge erschien ein Skelett. Begraben in ungeweihtem Boden. Dort konnte es keine Ruhe finden. Man hatte es einfach verscharrt. Ohne das es jemals Frieden würde finden können. Dr. Nicklas spottete über mich. Was das denn da werden solle? Er deutete auf meine Hand. Habe ich einen hysterischen Anfall? Nur, weil ich eine Frau sei? Er grinste jedoch nur. Einen Schlag von so einem zierlichen Persönchen könne er ohne Probleme abwehren. Die Wut des Geistes habe mich überkommen und, fügte ich dann noch hinzu, er würde meinen Schlag ganz gewiss spüren, da könne er sich sicher sein. Sein Grinsen wurde breiter.
Wir entschieden hinunterzugehen und nach dem Rechten zu sehen. Alexander ließ mir den Vortritt. Immerhin einer wisse, was sich gehöre, kommentierte ich. Quatsch, meldete sich der Arzt zu Wort, gewiss wollte er mir nur unter den Rock schauen. Ich seufzte und war mir fast sicher, dass er da von sich selber sprach.