Es dauerte etwas bis wir uns am nächsten Tag gen Trallop aufmachen konnten, der gestrige Abend hatte seinen Tribut gefordert. Die beiden mitreisenden Praios-Geweihten, Bruder Brunn und Schwester Praiodane, mussten warten.
Auf der Bärenburg wurden wir freudig begrüßt und erhielten eine Audienz beim Herzog. Im Bärenstübchen bei Met, Bier und Tee, Rinderbrühe und Brot konnten wir uns über das unterhalten, was nicht für aller Ohren bestimmt war. Und Herzog Waldemar hörte zu. Zunächst sprachen wir vom Tod Luzelins. Von dem hatte er bereits gehört und er schien wirklich getroffen. Danach sprachen wir über Borbarads Rückkehr. Da war er fassungslos. Was das alles bedeute? Erst einmal, versicherten wir, seien die Weidener sicher vor weiteren Vermisstenfällen, die Vampirplage sei beendet. Aber Borbarad sei wieder gekehrt. Und das stelle eine große Gefahr dar. Zumal wir nicht wüssten, wo er sich derzeit aufhalte und genauso wenig, was er als nächstes plane. Wir rieten zur Vorsicht.
Gwynna, die Hex‘ kam zu uns. Sie berichtete davon, dass der Blutzoll der Lande am Pandlaril noch nicht gänzlich bezahlt sei. Der Winter, so erklärte sie weiter, würde jedoch ruhig verlaufen, doch danach habe sie von Blut geträumt. Leider, so fuhr sie fort, gäbe es auch innerhalb ihrer Schwesternschaft Töchter Satuarias, die sich von finsteren Mächten angezogen fühlten. Sie verabschiedete sich dann wieder. Wir saßen noch einige Zeit so zusammen. Ich weiß nicht mehr wie genau, aber ich sprach vom Traviabund zwischen Hjore und mir und Waldemar lud uns ein, ihn doch hier bei ihm zu feiern. Wir bedankten uns für die Ehre, aber der Herzog wiegelte nur ab. Wir kehrten in den Thronsaal zurück. Dort aßen wir gemeinsam mit der Familie des Herzogs, gerade Hjore war sehr am Austausch mit der Herzogin interessiert. Yolina von Aralzin war sehr gebildet und stammte aus dem Lieblichen Feld.
Untereinander sprachen wir über unsere weiteren Pläne. Wir wollten so viele über die Ereignisse, über Borbaras Rückkehr in Kenntnis setzen, aber wie sollten wir das tun? Was sollten wir genau sagen? Wenn wir von Borbarad sprachen, würde uns niemand glauben, nicht wahr? Selbst innerhalb meiner Kirche hatte man mir nicht glauben wollen. Vermutlich musste erst etwas Schreckliches und Großes geschehen, bevor die Bewohner Deres den ernst der Lage begriffen? Vermutlich. Meine Aufgabe sah ich darin, meine Kirche über die Ereignisse in Kenntnis zu setzen, vor allem den Boten des Lichtes aufzusuchen. Und über den Boten des Lichts wollte ich versuchen, die anderen Kirchen zu informieren. Anjun könnte seine Kontakte zum Kaiserhof nutzen. Armatio seine zur Reichsarmee. Hjore wollte sich um die Gilden kümmern, Gryox um sein und Vayah um ihres.
Eine Woche genossen wir alle die Annehmlichkeiten der Bärenburg, die Gesellschaft der Herzogenfamilie, das gute Essen und die Ruhe. Ich schlief viel. An manchen Tagen fühlte ich mich nicht sonderlich gut und blieb im Bett. Und ich vermisste Elene, meine Tochter. Wie sie auf all das reagieren würde? Sie war doch noch so klein! Dann feierte Waldemar zu unseren Ehren ein Fest. Rondrigos Familie war auf die Bärenburg gekommen. Mutter Linai und ihre Rahja-Geweihten ebenfalls. Amando war auch anwesend. So wie einige Geweihte aus dem Praios-Tempel zu Trallop, in dem wir vor Praios Zeugnis über die Ereignisse abgelegt hatten. Im feierlichen Rahmen ehrte Herzog Waldemar uns mit dem Großen silbernen Bärenorden und einer Leibrente von 100 Dukaten im Götterlauf, zudem durften wir uns alle ein Pferd aus der herzöglichen Zucht aussuchen. Es war eine schöne Feier, in deren Verlauf uns Mutter Linai mitteilte, dass das Heilige Paar, der Hohe Vater und die Hohe Mutter, uns gerne sprechen wollten und wenn die Obersten einer Kirche nach einem riefen, dann folgte man diesem Ruf.
Zunächst führe der Weg von Armatio, Rondrigo und mir nach Gareth, wo ich mit Amandos Unterstützung und Hartnäckigkeit zum Boten des Lichtes vorgelassen wurde. Ein Moment, den ich ebenso herbeigesehnt wie gefürchtet hatte. Hjore kümmert sich in der Zeit um seine Dinge. Der schwerste Gang jedoch war zu Greifwin. Auch das Gespräch mit Tante Glorificata war kein einfaches, allerdings hatte sie schon vor geraumer Zeit verstanden, dass sie mir in bestimmten Bereichen keine Vorschriften (mehr) machen konnte. Für einen Witz hielt sie den Traviabund zwischen Hjore und mir zunächst dennoch. Als sie aber begriff, dass es mir ernst war, wollte sie wissen, ob dieser Mann es wirklich wert sei, meine Karriere in meiner Kirche aufs Spiel zu setzen. Daraufhin erwiderte ich, dass ich keine mehr bräuchte, wenn es uns nicht gelänge Borbarad aufzuhalten. Da schaute sie mich mit großen Augen an. Und ich erzählte. Und auch wenn sie wusste, dass ich mir so etwas nie ausdenken würde, hatte sie Schwierigkeiten mir zu glauben.
Anfang Tsa fanden wir uns alle wieder auf der Bärenburg ein. Es war Zeit, den Bund zu schließen. Und Hjore, dem ich mit dem Scheiterhaufen gedroht hatte, sollte er nicht erscheinen, war natürlich gekommen. Vermutlich hatte ihm Tante Glorificata noch mit weitaus Schlimmerem gedroht, sollte er es wagen, mich zu versetzen. Auch unsere anderen Gefährten waren erschienen: Rondrigo mit seiner Frau und seinem Sohn, Amatio, Anjun, Gryox und natürlich Vayah, die sich für diesen Anlass ein wirklich hübsches Kleid hatte anfertigen lassen. Tante Glorificata war natürlich auch da, meine Tochter Elene an ihrer Hand. Mutter Linai war selbstredend anwesend, sie würde die den Bund über uns sprechen, ebenso wie ihre Freundin, die Rahja-Geweihte Nidara. Dschelef ibn Jassafer, der Magier aus den Tulamidenlanden, der uns vor die Kaleschka gelaufen war, war auch gekommen. Ebenso wie Ayla von Schattengrund, daneben mein Vertrauter und guter Freund Amando Laconda da Vanya und Ucurian Jago, Hochmeister des Ordens vom Bannstrahl Praios‘. Und Hjore hatte von seiner Reise nicht nur die Axt seiner Mutter, sondern auch seinen Bruder Snorri mitgebracht. Natürlich war auch der die herzögliche Familie gekommen und die Hexe Gwynna.
Hjore und ich waren beide nervös. Er war so herausgeputzt, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, aber immer noch streng dem Codex Albyricus entsprechend und trug ein anmutiges, gar seliges Lächeln auf den Lippen. Ich trug eine Robe aus den besten und feinsten Stoffen aus der Tuchhandlung meiner Familie. Beim Herausputzen hatte mir Nidara geholfen. Kunstvoll hatte sie meine Haare hochgesteckt. Vielleicht etwas zu kunstvoll für eine Praios-Geweihte.
Waldemar gab den Brautvater. Nachdem er erfahren hatte, dass ich weder Mutter noch Vater hatte, hatte er diese Entscheidung gefällt. Es war für ihn nicht hinzunehmen, dass ich niemand hatte, der mich in den Bund führte. Also tat er es. Er war so, wie die Weidener ihn kannten. Pflichtbewusst und warmherzig. Und er war mir damit mehr Vater, als es je irgendjemand anderes war und irgendwie hoffte ich, dass nie jemand mehr Vater für mich sein würde als er. Einen Moment ergab ich mich dem Gedanken, dass er vielleicht wirklich mein Vater war. Doch das war Unsinn und ich wusste das auch. Aber war der Gedanke nicht schön, sogar irgendwie tröstlich? Vielleicht hatte meine Mutter über meinen Vater geschwiegen, um seinen Ruf nicht zu schaden?
So führte mich der Herzog in den Bund. Ich war glücklich. Er reicht meine Hand an Hjore und schärfte ihm ein, immer gut auf seine „Tochter“ aufzupassen, sonst würde er es mit ihm zu tun bekommen. Hjore grinste angesichts der Drohung lediglich nur versonnen und mir standen die nahenden Tränen in den Augen. Unsere Bundzeugen, Snorri und Vayah auf Seiten von Hjore und Tante Glorificata und Amando auf meiner, standen dicht bei uns. Mutter Linai leitete gemeinsam mit Nidara durch die Zeremonie. Das heilige Herdfeuer solle immer brennen und lodern und deswegen überreichte sie uns etwas davon, damit wir es in unserem Heim entzünden würden können. Sie überreichte es Hjore. Und der reichte es mir. Ich gab es an Tante Glorificata. Danach band sie Hjores und meine Hände mit ein orangefarbenen, seidig weichem Tuch mit Gänsestickereien zusammen, denn was die Götter so verbunden haben, sollten wir Menschen nicht mehr trennen. Sie sprach den Bund über uns. Ich fühlte Wärme und Geborgenheit. Sie ging vom Band um meine Hände aus und breitete sich durch meinen ganzen Körper aus. Bis in die Zehenspitzen. In denen es angenehm kribbelte. Wir sprachen ihre Worte nach. Wir beide. Wir waren nicht mehr zwei Menschen, wir waren eines. Eine Hand, eine Stimme, ein Körper. Wir gelobten auf das Herdfeuer und Travias-Gebote zu achten. Wir küssten uns. Danach nahm sie das Band ab, reicht es mir. Wieder gab ich es an meine Tante weiter. Nun fiel Hjore auf die Knie, überreicht mir die Axt seiner Mutter, eine ungefähr einen Schritt lange Streitaxt, die Snorri die ganze Zeit für ihn gehalten hat. Ich nahm sie entgegen, gelobte sie in Ehren zu halten und gut auf sie zu achten. Auf sein Geschenk, erwiderte ich Hjore, müsse er aber er noch ein paar Monde warten, dabei legte ich meine Hand auf meinen inzwischen leicht gewölbten Leib. Die Anwesenden lachten. Die Axt reichte ich an Amando weiter, der recht verdutzt dreinblickte, sie dann aber nahm und liebevoll tätschelte. Ein Schelm war er ja schon, der Inquisitor.
Dann wurde uns gratuliert. Alle gratulierten uns. Und wir erhielten Geschenke. Das von Vayah stach jedoch heraus: Sie überreichte uns eine Skulptur aus Holz. In einem Nest lag ein Ei, auf das eine Hirschkuh argwöhnisch achtete, wobei eine Möwe auf dem Rand des Nestes saß und alles überwachte. Hjore sei die Möwe, ich die Hirschkuh und was das Ei sei, das wisse sie noch nicht, könne es jedoch anpassen. Es war ein schönes Geschenk, aber es warf Fragen auf. Fragen, die ich nicht aussprechen konnte, aber über die ich angestrengt nachdachte. Warum lag nur ein Ei im Nest? War es Zufall? Oder hatte es mehr zu bedeuten? Hjore war ohne Zweifel der Vater unseres ungeborenen Kindes, aber was war mit Elene? War Hjore gar nicht ihr Vater? War es vielleicht doch Greifwin? Oder aber … Teclador? Nein, was für ein Unsinn! Dass Elene eines Tages in den Dienst des Herrn Praios treten würde, stand außer Frage. Und der Götterfürst würde doch an seiner Seite nicht das Kind eines Drachen dulden. Aber das Kind eines Magiers?