Gemeinsam kehrten wir zu Märta zurück. Wie immer war die Dorfvorsteherin geradezu unverschämt freundlich zu uns. Auf Nachfrage erzählte sie über ihr Dorf. Es sei damals hier aufgrund des guten Holzes von sieben Familien, darunter die Familien Skytt und Karström, errichtet worden. Zwei von diesen Familien hätten inzwischen bedauerlicherweise keine Nachfahren mehr. Blieben also noch fünf Familien, schlussfolgerte ich. Und wenn die Skytts und auch sie verkauften, würden auch alle anderen ihrem Beispiel folgen und ihr geliebtes Dorf sei damit dem Untergang geweiht. Nein, sie schüttelte energisch ihren Kopf, so weit dürfe es nicht kommen. Ach, wechselte sie dann eilig das Thema, zum Abendessen würden wir doch sicher kommen? Sie wolle sich etwas Besonderes für uns überlegen. Wir wiegelten ab. Das sei nun wirklich nicht notwendig. Doch, doch, betonte sie, natürlich sei dies geboten. Vodka hätte sie auch. Hervorragend, merkte unser alter Herr da an. Nun, was dem einen Herr die Frauen waren, war dem anderen Herrn der Alkohol. Wehmütig dachte ich an Vater Klarhed zurück. Vielleicht sollte ich ihm demnächst einen Besuch abstatten?
Mit der Waffe unseres Arztes, zu der er bei einer wirklich atemberaubenden Begebenheit gekommen sein wollte, brachen wir in die Kirche auf. Dort zeigte ich meinen Begleitern die Inschrift mit der dazu passenden Abbildung. Das alles sah nach einem Kirchengrimm aus. Uns war bekannt, dass so ein Opfer bei der Errichtung eines Bauwerkes durchaus üblich war. Ziel des ganzen war es, den Bestand des Gebäudes ebenso zu sichern wie den Baufortschritt, dabei musste das geopferte Tier stets im Verborgenen bleiben. Um einen gewöhnlichen Kirchengrimm konnte es sich hier jedoch nicht handeln. Sicherheitshalber schauten wir uns noch mal in der Kirche und auf dem Friedhof nach den anderen beiden Tafeln um, wurden jedoch nicht fündig, stattdessen fanden wir ein Bild von den Gründern des Dorfes, das etwas höher hing als alle anderen. Leider befanden sich auch dahinter keine weiteren Hinweise.
Da trat mein allerliebster Alexander zu uns in die Kirche hinein und zeigte uns einen … Stein. Ich legte die Stirn in Falten. Was sollte das für ein Hinweis sein? Dr. Nicklas schaute sich den Stein an. Das sähe nach einer Eisenader aus, stellte er fest. Wenn es hier ein Eisenvorkommen gäbe, sei das wertvoller als alles andere? Der Adelige nickte: Das Holz sei wertvoll, das Eisen allerdings noch wertvoller. Eine Mine, stellte der alte Herr jedoch klar, würde das Gesicht des Dorfes jedoch gänzlich verändern. Nachdenklich nickte ich. Doch wer wusste von der Entdeckung der beiden Fremden? Was, warf der Arzt auf, wenn jemand den Kirchengrimm kontrollierte? Letztens erst habe er einen Lindenstock zerbrechen müssen, um die Kontrolle über einen Vaesen zu brechen. Vielleicht gebe es hier etwa vergleichbares?
Wir entschieden erneut mit Vilhelmina zu sprechen. Vielleicht wusste das Mädchen etwas über die Wälder zu berichten, was sonst niemandem bekannt war? Erneut suchten wir die Skytts auf. Auch dieses Mal wurden wir eingelassen. Birgit, unsere Jägerin, sprach mit dem Mädchen. Gerne wollte sie am Morgen mit ihr auf die Jagd gehen. Gewiss kenne sie sich besser in den Wäldern aus als jeder andere hier im Dorf. Währenddessen fragten wir anderen die Hausherrin nach den verbliebenen Steintafeln. Dorotea schloss die Tür, sodass ihre Tochter und Birgit uns nicht hören konnten. Ich spräche von den Tafeln aus der Kirche? Ich nickte. Wir sollten uns bei Märta Karström im Sägewerk umsehen. Das hätten wir aber nicht von ihr, stellte sie sogleich klar. Ich grinste verschmitzt: Habe sie etwas gesagt? Sie schüttelte den Kopf. Ich grinste.
Erneut begaben wir uns auf den Rückweg zur Dorfvorsteherin. Unser »Gustav« wurde ordentlich von Märta herumgescheucht, musste sich um das Feuer kümmern, Bänke aufstellen, die Kartoffeln wenden. Wir lauerten in einiger Entfernung, hatten dabei auch ihr Sägewerk im Blick und sahen wie die Arbeiter Feierabend machten, das Sägewerk verrammelten und Märta den Schlüssel überbrachten. Nun war das Sägewerk verlassen. Das Wasserrad dreht sich nicht mehr. Es war Zeit, dem ganzen auf den Grund zu gehen.
Auf leisen Sohlen schlichen wir zum Sägewerk. Erwartungsgemäß war die einfache Holztür zum Sägewerk verschlossen. Innerlich lachte ich, warum ließ Märta überhaupt abschließen? Hatten wir nicht zur Genüge gehört, wie friedlich es hier sei und dass man einander vertraue?
Mit einem seiner Skalpelle, meinem Wissen aus Kriminalromanen und Alexanders guten Ratschlägen öffnete Dr. Nicklas im Handumdrehen die Tür. Birgit hielt Wache. Drinnen gab es einen großen Raum. Dort befand sich die Säge und ein Förderband. Wir schauten uns genauer um und stellten dabei fest, dass es eine weitere Tür gab, vor der allerlei Dinge platziert worden waren. Wir räumten sie zur Seite. Der dahinterliegende Raum verschlossen. Erneut versuchte sich Lindroth mit seinem Skalpell. Wieder sprang die Tür nach einigen Augenblicken auf. Drinnen fanden wir eine weitere Steintafel, sowie ein Pentagramm an der Wand mit der Inschrift »Liberorum Foedus«, was Alexander als »Die Liga der Freien« übersetzte. Außerdem lag da eine fein säuberlich zusammengelegte und glattgebügelte Robe mit Kapuze aus feinem Stoff von ungewöhnlich hoher Qualität. Da meldete die Jägerin, dass sich vier Personen auf dem Weg zu uns befänden. Wachleute, merkte ich an. Alexander pauste die Inschrift ab, wir legten alles so zurück, wie wir es vorgefunden hatten und schlichen hinaus. Birgit ging vor und wir folgten ihr, so schafften wir es an Vieren vorbei, ohne, dass sie uns bemerkten, dabei schien unsere Vorsicht unnötig gewesen zu sein, die Männer unterhielten sich in einer Lautstärke, dass wir zu jederzeit wusste, wo sie sich aufhielten.
So gingen wir zu Märta zurück. Weil das Abendessen noch nicht ganz fertig war, kehrten wir alle auf unsere Zimmer zurück. Ich machte mich frisch. Es war ein anstrengender Tag gewesen und ich wollte meinem Liebsten nicht aufgrund eines strengen Geruches in Erinnerung bleiben. Erst später am Abend wollte ich auf meiner Nyckelharpa spielten. Doch zuvor schaute ich mir noch einmal die Inschrift an, die der Adelige abgepaust hatte: Auch dieser Text handelte vom Kirchengrimm. Es war eine etwas genauerer Beschreibung, die wohl Angst machen sollte. Das Tier sei größer als ein Hirsch, stärker als ein Bär, wendiger als ein Luchs und schneller als ein Pferd. Er beschütze den Ort Gottes und ruhe unter dem Blick des Herren.