Mit schwerem Herzen verabschiedeten wir uns einige Tage später von Herzog Waldemar, seiner Familie und der Bärenburg, um nach Rommilys zum Heiligen Paar aufzubrechen. Mit Mutter Linai an unserer Seite empfingen uns Herdfried von Rabenmund-Fuxfell und Traviata Fjoldrijnn von Rabenmund im Friedenskaiser-Yulag-Tempel. Wir erstatteten Bericht über die Ereignisse und warnten zugleich vor dem wiedergekehrten Borbarad. Die beiden hörten zu, aber wir alle sahen Zweifel und Skepsis in ihren Blicken. Es war nicht so, dass sie uns nicht glauben wollte, aber ohne Beweise war es schwer unseren Worten glauben zu schenken und darüber hinaus stellte sich natürlich immer die Frage, wie man es den Menschen dort draußen erklären sollte. Was sollte man ihnen sagen? Wie sollte man sie warnen? Oder sollte man schweigen? Das Hohe Paar versicherte Vorbereitungen zu treffen, sollte Menschen ihr Herdfeuer verlieren, so wollten sie so vielen wie möglich einen Platz an ihrem bieten.
Einige Tage genossen wir die Gastfreundschaft im Tempel, ehe wir nach Gareth aufbrachen. Dort trennten sich unsere Wege. Hjore und ich reisten mit Tante Glorificata und Elene nach Punin. Während mein Mann an der Magierakademie Nachforschungen über die Orakelsprüche von Fasar, die al’anfanische Prophezeiungen, Kraftlinie und den Umgang mit den Elementen anstellte, trieb es mich in den Haupttempel des Herrn Boron. Dort ersuchte ich mehrfach und mit einem Schreiben Amandos eine Unterredung mit dem Raben von Punin zu erhalten, doch schaffte ich es nur zu einem seiner Vertreter durchzudringen. Sie hörten mich an, wie Boron-Geweihte es eben taten und versicherten mir, dass meine Worte zum Raben vorgebracht werden würden. Sonst blieben sie still, boten mir aber an, dass ich mich jederzeit an sie wenden könne, wenn meine Seele Hilfe bedürfe. Ich nahm dieses Angebot an. Ein einziges Mal. Ich sprach nicht über mein Scheitern, meine Unfähigkeit Borbarads Rückkehr zu verhindern, Liscom, Pardona oder aber auch nur den praiosverfluchten Walmir von Riebeshoff zu töten, auch nicht über das Verlöschen vom Auge Praios‘ und das Abgeschnitten sein von ihm dort im Turm, noch nicht einmal über die Vaterschaft Elenes. Ich sprach über mein Ungeborenes. Und darüber, dass ich fühlte und wusste, dass Liscom, Pardona, Borbarad oder der Namenlose höchst selbst oder aber alle zusammen meinem Kind etwas Schreckliches angetan hatten. Er riet mir, den Tempel der ewig Jungen direkt gegenüber aufzusuchen. Ich nickte, doch später als ich vor dem Portal des Tempels stand, hatte ich Angst. Ich ging nicht hinein. Hatte ich nicht ein Recht auf Unwissenheit? Tsa, so hatte der Geweihte gesagt, habe mir ihren Segen geschenkt. Zweifelte ich etwa an ihrer Entscheidung?
Die restliche Zeit in Punin widmete ich mich meiner Tochter Elene, die mir so fremd geworden war, wie ich ihr. Ich erzählte ihr von ihrem Geschwisterchen, aber sie versteckte sich meist nur hinter Tante Glorificata. Es schmerzte, sie so zu sehen. Die Besuche im Praios-Tempel gaben ihr halt. All das kannte sie aus Gareth. Dazwischen kümmerte sich Hjore mit mir um meinen Dolch aus magischem Metall. Wir erkundigten uns. Wie planten. Das Metall musste aufgetrieben, ein geeigneter Schmied musste gefunden und eine Form festgelegt werden und dazwischen traf ich Vorbereitungen für den Tempel in Anderath.
Der Rückweg führte uns wieder über Gareth. Dort verbrachte ich einige Tage damit, mich in der Stadt des Lichtes für den Wiederaufbau und die Wiederbesetzung des Tempels in Anderath einzusetzen. Doch meine Kirche war noch immer in Aufruhr, die Hilberianer trieben noch immer ihr Unwesen, versuchten ihren falschen Boten des Lichts mit aller Macht durchzusetzen und wir, die Jarieliten, mussten ihnen nach wie vor mit aller Kraft entgegenstehen. Es stünde mir frei, so teilte man mir schlussendlich mit, die notwendigen Erkundigungen einzuholen, um den Tempel wieder zu einem unseres Herren zu machen. Danach würde man entscheiden.
So reisten wir nach Anderath zurück. Beauftragen Handwerker den Tempel zu sichten. Reisten immer wieder nach Baliho und Trallop, hielten uns auf der Bärenburg auf. Hjore verbrachte viel Zeit mit Elene. Tante Glorificata war immerzu an meiner Seite. Mein Bauch wuchs. Alles wurde zunehmend beschwerlicher. Elene hatte sich inzwischen an mich und Hjore gewöhnt, Tante Glorificata war ihr jedoch weitaus wichtiger als wir, mit Ausnahme ihres Geschwisterchens. Meine Tochter liebte es, sich an meinen Bauch zu schmiegen, das Ohr dagegen zu drücken und ihrem Geschwisterchen zu lauschen. Sie freute sich und lachte viel. Es war so schön, sie so glücklich zu sehen.
Für mich gab es viel zu tun. Ich schrieb unzählige Briefe. Ich sprach mit Handwerkern, die sich die Schäden anschauen sollte. Mit Geweihten, die ich davon überzeugen wollte, sich meinem Anliegen anzuschließen. Mit Adeligen und allerlei Wohlhabenden, die mein Vorhaben unterstützen und die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellen sollten. Oft fiel ich erschöpft auf mein Lager und ich war froh darüber. Es lenkte mich ab. Etwas stimmte nicht. Damals, kurz nach Borbarads Rückkehr, hatte ich es auf die Ereignisse geschoben, aber nun war es zur Gewissheit geworden. Liscom, Pardona, Borbarad oder der Namenlose oder alle zusammen hatten mir das Schlimmste angetan, was ich mir vorstellen hatte können, sie hatte etwas mit meinem Kind gemacht. Sie hatten ihm etwas angetan. Mit Hjore konnte ich darüber nicht sprechen, genauso wenig mit meiner Tante. Beide rieten mir immerzu, mir mehr Ruhe angesichts meines Zustandes zu gönnen, doch je mehr sie mich mahnten, desto weniger hörte ich. Auch eine Hebamme oder Geweihte aufzusuchen, schlug ich stets mit der vielen Arbeit aus. Ich wollte nicht wissen. Denn je mehr mein Kind und damit auch mein Bauch wuchs, desto schwächer wurde die Verbindung zu meinem Herrn.
Ende Ingerimm fühlte ich mich nicht wohl. Die einst leichten Kopfschmerzen waren über die Monde immer schlimmer geworden. Hjore und Tante Glorificata setzten durch, dass wir uns ein wenig Ruhe auf der Bärenburg gönnten. Dort schlief ich erst einmal mehrere Tage. Unerträgliche Kopfschmerzen plagten mich. Wie damals im Turm. Als ich erwachte, war der Schmerz nicht verschwunden. Am Abend war ein Essen mit Waldemar geplant, doch die am späten Nachmittag einsetzenden Wehen kamen dazwischen. Askir ließ sich aber Zeit. Erst Mitten in der Nacht wurde er geboren. Es war der 1te Rahja. Hjore war überglücklich. Und ich war einfach nur erleichtert, dass es vorbei war. Askir war klein und zierlich, hatte das helle Haar seines Vaters und meine Augen. Die Geburt war keine leichte gewesen, sie hatte alle meine Kraft gekostet und viele Stundengläser gedauert. Am unerträglichsten war der Kopfschmerz gewesen.
Am nächsten Morgen erhielt ich Besuch von Elene und meiner Tante. Neugierig betrachtete Elene ihren kleinen Bruder. Hjore strahlte. Ich fühlte mich einfach nur erschöpft. Mein Kopfschmerz war erträglicher geworden. Später erhielt ich Besuch von der Herzogin. Sie schenkte jedem meiner Kinder einen geschnitzten Bären und erklärte, dass Waldemar mir ausrichten ließe, ich könne hier so lange zu Kräften kommen, wie ich wünschte. Ich bedankte mich. Sie bewunderte Askir noch einige Augenblicke und verabschiede sich dann. Mein Sohn war ein ruhiges Kind. Doch er trank nicht. Verweigerte meine Brust. Sogar meine Milch. Dabei hatte er Hunger. Tante Glorificata kümmerte sich um eine Amme. An ihrer Brust trank er gierig. Meine Tante musterte mich da nur fragend, sagte aber nichts. Den Geburtssegen hatte keine von uns gesprochen.
Ein paar Tage vergingen. Dann eröffnet mir Hjore, dass bereits wenige Stunden nach der Geburt unseres Sohnes, sein Auge, dessen Begabung offenbart hatte. Er trug den Fluch, ganz wie sein Vater. Das war es also gewesen? Ich begann zu weinen und stammelte wirr vor mich hin. Hjore versuchte, mich zu beruhigen. Irgendwann schlief ich ein und dann sprachen wir nicht mehr darüber. Bald brachen wir gen Greifenfurt auf. Ich sollte dort meine zweite Weihe, für die sich neben Tante Glorificata auch mein Freund Amando eingesetzt hatte, erhalten und alle unsere Gefährten sollten kommen.
Und je näher wir Greifenfurt kamen, desto mehr kehrte die Kraft meines Herren in mich zurück.