Olporter Tagebuch – Gier – Gescheitert – 23. – 27. BOR 1016
Olporter Tagebuch – Gier – Gescheitert – 23. – 27. BOR 1016

Olporter Tagebuch – Gier – Gescheitert – 23. – 27. BOR 1016

Kurz bevor wir aufbrachen, ließ Gryox den Turm einstürzen. Zumindest teilweise. Nur die Wendeltreppe mit einem Teil der Mauer blieb stehen. Ein gespenstisches Mahnmal für Borbarads Rückkehr. Später berichtete Hjore, dass sich zwei mächtige magische Linien an der Stelle der Treppe kreuzten und Gryox ergänzte, dass man sie nicht zerstören würde können. Vielleicht stellte sie auch eine direkte Verbindung in den Limbus dar? War Borbarad denn aus dem Limbus gekommen?

Wir brachen gen Baliho auf. Die erste Nacht verbrachten wir draußen. Es war bitterkalt und ich war in Gedanken. Mein flaues Gefühl war nicht verflogen. Ich schob es auf die Ereignisse. Einer meiner Brüder hatte sich gegen uns gestellt. Ein Kind war benutzt worden. Armatio war verzaubert worden und hätte uns sicher alle getötet, hätte Praios mir nicht beigestanden. Da hatte er mir noch beistehen können, später jedoch nicht mehr. Praios’ Auge war erloschen. War es ihm nicht gelungen gegen das namenlose Wirken anzukommen oder hatte ich ihn erzürnt? Dort oben im Turm, abgeschnitten vom Götterfürsten und machtlos gegenüber dem Dämon zu sein, hatte mich bis ins Mark erschüttert. In dieser Nacht entschied ich, dass ich eine magische Waffe benötigte. Als ich Hjore das sagte, zog er die Augenbrauen nach oben. Ich konnte das nicht sehen, aber ich wusste, dass er es tat. Es war dunkel. Er riet zu einer Waffe, die einem Bannschwert ähnelte, wie es auch Magier führten und am besten aus einem magischen Metall, da ein solches sicher besser mit dem Wesen meines Herren vereinbar sei. Mit den Gedanken an solch eine Waffe schlief ich ein. Praios möge mir verzeihen!

Am nächsten Morgen brachten wir nach Moosgrund auf, welches wir gegen Mittag erreichten. Wir kehrten in der Schenke »Roter Stier« ein und nahmen ein Bad. Am Abend schlief ich neben Hjore ein und klammerte mich so sehr an ihn, dass er noch am Morgen so da lag. Der nächste Tag führt uns nach Anderath. Gryox habe dort das letzte Mal Praios-Geweihte im Tempel gesehen. Ich schaute nach, fand den Tempel aber verschlossen und verwaist vor. Sie hatten nicht lange bleiben wolle, fügte der Zwerg später schulterzuckend hinzu. Da entschied ich, dass Anderath für mich nicht irgendein Tempel war. Ich machte diesen Tempel zu meiner Aufgabe. Wenn nicht ich, da war ich mir sicher, wer würde sich sonst darum kümmern, dass er wieder zu einem richtigen Tempel des Götterfürsten würde? Ein Tempel gegen finstere Umtriebe, gegen Vampire und gegen jegliches Hrangar-Gezücht, wie Hjore es formulierte?

Am nächsten Tag waren wir endlich in Baliho. Zuerst brachten wir die Paraphernalien in den Tempel zurück. Kurz sprach ich dabei mit Brunn Baucken, der mir nicht glaubte, dass Borbarad zurück sei und mich für übermüdet, wenn nicht sogar leicht verrückt, hielt. Weil ich in der Tat übermüdet und erschöpft war, ließ ich es darauf beruhen. Wir kehrten alle auf Rondrigos Anwesen zurück, wo ihn seine Frau und sein Sohn erfreut in die Arme schlossen. Hjore und ich verbrachten die Nacht zusammen. Wie so oft zuvor auch. Noch immer war da ein komisches Gefühl in mir. Noch immer schob ich es auf die Ereignisse.

Auch am folgenden Tag suchte ich den Praios-Tempel auf. Auch heute ging es Brunn Baucken ähnlich. Es war nicht so, dass er mir nicht glauben wollte, er konnte nicht. So sagte er es mir auch. Könnten meine Gefährten das bezeugen? Natürlich. Würden sie es auch vor Praios bezeugen? Sicherlich. Dann sollten wir den Praios-Tempel in Trallop aufsuchen, dort sollten wir Zeugnis ablegen, er würde uns begleiten, er und … Schwester Praiodane von der Inquisition. Und obwohl er nicht glaubte, dass ich log, so richtig Glauben schenkte er mir dennoch nicht. Vielleicht dachte er wirklich, ich sei verrückt. Und meine Gefährten auch. Und wie sollte ich ihm das auch übel nehmen? Wäre ich an seiner statt, hätte ich meine Worte denn geglaubt? Vermutlich nicht. Kein Wort würde ich glauben und wenn eine Geweihte mir berichtete, dass ihr Herr nichts gegen Namenloses Wirken hätte ausrichten könnten, hätte ich es auf ihren Glauben geschoben, nicht aber auf ihren Herrn. Was war es bei mir? Ich dachte an Borbarad. Was er über Borbarad und seine Kräfte wisse? Nur Rohal habe ihn besiegen können, erwiderte er, nur er war ihm ebenbürtige. Keiner von uns war Rohal, durchfuhr es mich, keiner. Wie konnten wir Borbarad aber dann besiegen?

Gegen Abend suchten Celissa und Rondrigo, Vayah, Hjore und ich Mutter Linai auf. Es gab noch über einen Traviabund zu sprechen. Zuerst versuchten wir es im Travia-Tempel, der unweit von Rondrigos Anwesen war, aber da war sie nicht anzutreffen. Der Geweihte riet uns dazu, es im »Nordstern« versuchen. Zwar wusste ich, dass Mutter Linai gerne feierte und dabei auch gerne trank, aber der »Nordstern«?

Das Spielhaus »Nordstern« lag in der Südstadt von Baliho und war ein imposanter, regelrecht luxuriöser Bau aus geklinkertem weißen Marmor, mit einer mächtigen Kuppel, blauen Glasfenstern und einem prächtigen zweiflügeligem Tor. Die Lage am Rotwasser war kein Zufall, erklärte uns Rondrigo, es handelte sich um einen einstigen Efferd-Tempel. Seit geraumer Zeit, wusste Celissa, wurde es jedoch als Spielhaus benutzt und war immer gut besucht, sodass es zwischen Aufgang und Untergang der Praiosscheibe stets geöffnet war.

Über dem Eingang hing eine Laterne, die leicht trübes blaues Licht auf den Eingang warf. Darunter standen zwei kräftige Männer mit Hellebardieren und ein weiterer etwas kleinerer Mann. Halte sich hier Mutter Linai auf? Der kleine Mann erwiderte mir allerdings nur, dass man hier über Gäste nicht spreche. Wir könnten ja gerne selbst nachsehen. Ich seufzte. Hatte ich nun nicht einmal mehr Autorität gegenüber Halunken in den Gassen Balihos? Unsere Waffen, bis auf mein Sonnenszepter, mussten abgelegt werden. Hjore erklärte Vayah, das seien hier die Sippenregeln und die Elfe verstand. Ich wunderte mich mal wieder darüber, wie leicht es ihm fiel, sich ihr verständlich zu machen.

Drinnen war der sieben Schritt hohe Saal mit hölzerner Empore so voll, dass wir uns nacheinander durch die Menschenmenge durchschieben mussten. Aufgrund der Menschen und auch der Musik, war es schwierig sich zu unterhalten. Mutter Linai auszumachen, war hingegen leicht. Ihre orange Robe war weithin zu erkennen. Ich hielt auf sie zu. Etwas verwundert war ich dann allerdings schon, als mir klar wurde, dass Mutter Linai da mit drei zu leicht für den weidener Winter bekleideten Rahja-Geweihten am Tisch saß und Trank. Mit ihrer lauten, aber wohlklingenden Stimme lud die Travia-Geweihte uns ein, uns zu setzen. Wir kamen ihrer Bitte nach. Sie stelle uns den Rahja-Geweihten vor. Und dann schauten sie alle plötzlich mich erwartungsvoll an. Mutter Linai. Die Rahja-Geweihten. Rondrigo. Celissa. Hjore. Ich machte mein Mund auf, aber es kam kein Ton heraus. Hjore stieß mir seinen Ellenbogen in die Seite. Mutter Linai schaute nun nur noch erwartungsvoller. Wir, hob ich an, Hjore und ich, wir möchten gerne den Traviabund schließen und wollten sie bitten, diesen für uns zu sprechen. Ich ergriff dabei nervös die Hand meines Liebsten. Einen Moment schauten alle noch immer erwartungsvoll, dann knuffte Mutter Linai einer der Rahja-Geweihte in die Seite und sagte: »Die Wette geht dann wohl auf mich.« Daraufhin wechselte eine Münze von der Rahja- zur Travia-Geweihten. Sie hätten, entfuhr es mir, gewettet? Klar, meinte Mutter Linai da schulterzuckend und als sei es das normalste auf Dere, es sei ja offensichtlich gewesen, nur bei der Art des Bundes seien sie sich uneins gewesen. Die Rahja-Geweihte lächelte, dass eine Geweihte des Praios einen Magier vor Travia eheliche, habe sie wirklich nicht gedacht. Vielleicht sei da aber auch ihre Herrin mit ihr durchgegangen? Sie zwinkerte und fügte hinzu, dass sie mir gerne noch das ein oder andere … zeigen könne. Ich … ich … ich … ich wisse wie das geht, erwiderte ich pikiert, sie sollte doch Hjore fragen. Der schaute nur leicht panisch. Aber Mutter Linai lenkte jetzt das Gespräch auf die Feierlichkeiten und den Rahmen, Ort und Zeit. Wir sprachen und redeten, die Rahja-Geweihten erzählten anzüglich Geschichten und Mutter Linai lachte nur derbe darüber. Wir lernten Dugobalosch, Sohn des Dabasch, kennen, den Eigentümer des Nordsterns, der unsere Feierlichkeiten nur zu gerne ausrichtete, ich aber bereits jetzt schon die Summe fürchtete, die so eine Feier verschlänge, zumal ich wusste, dass ich diejenige in unserem Bund war, die über die größeren finanziellen Mittel (oder überhaupt über welche) verfügte. So klang der Abend aus. Was ich weniger trank, glich Hjore aus, allerdings machte es ihm heute nicht so viel aus. Und auf einen schönen Abend folgte noch eine schöne, wenn auch kurze Nacht.

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