Es war der Morgen des ersten Praios 1017 BF. Die Namenlosen Tage lagen hinter uns. Das neue Zwölfgötterjahr vor uns. Gerade eben schob sich die Praiosscheibe über den Horizont und tauchte alles in das goldene Licht meines Herren. Nicht einmal der leichte Regen konnte die Stimmung dieses feierlichen Tages ruinieren. Stolz und in einer eleganten und wesentlich prächtigeren rotgoldenen Robe, an denen meine ganzen Auszeichnungen befestigt waren – die Kaiser-Rauls-Schwerter in Bronze, die Orkenkriegmedaille, die Silknadel und der große silberne Bärenorden – meinen neunen Dolch »Rohal« am Gürtel, stand ich inmitten der anderen Geweihten: der Wahrer der Ordnung Mittellande Pagol Greifax von Gratenfels, Inquisitor Amando Laconda da Vanya, Hochwürden des Tempels unseres Herrn Praios und seines getreuen Dieners Scraan Anshelm Horninger, meine Tante Glorificata von Gareth und natürlich noch viel Brüder und Schwestern mehr.
Und dann waren da noch meine Freunde. Meine Mitstreiter. Meine Vertrauten. Meine Liebsten. Allesamt waren sie meiner Einladung gefolgt. Selbst jene, denen die Nähe meines Herren nicht sonderlich angenehm war, weswegen die Zeremonie auch unter freiem Himmel stattfand. Mein geliebter Hjore, mit dem ich inzwischen nicht nur durch Rahja und Tsa, sondern auch Travia verbunden war. Mein tapferer Rondrigo, der ebenso für Praios stritt, wie auch ich. Mein treuer Armatio, mein Freund und Gefährte vor Rondra und Unterstützer in höchster Not. Mein listiger Anjun, gegenüber dem ich vermutlich noch häufig Demut zeigen würde müssen. Mein geschätzter Gryox, der genauso wie die sanftmütige Vayah, nicht weniger von meiner Demut erforderten, denn obgleich uns unsere Aufgabe einte, so teilten wird darüber hinaus wenig mehr, erst recht nicht unsere Sichtweise der Götter.
Bruder Anshelm führte durch den Sonnengruß. Es herrschte eine feierliche, ehrwürdige und erhabene Stimmung. Alle waren in ihre besten Gewänder gehüllt. Ein leichter Hauch von schneidendem Bernstein lag in der Luft, gemildert durch den Geruch des seichten Regens. Hjore wirkte angespannt. Askir, unser wenige Wochen alter Sohn, war unruhig. Elene hingegen wirkte ruhig und gefasst an der Seite von Tante Glorificata. Dann war es Zeit für die Predigt. Und an diesem Tag sollte ich sie halten.
»Praios, der Götterfürst, schenkt uns sein Licht, er bringt uns Gerichtsbarkeit und Ordnung, Wahrheit und Standhaftigkeit. Doch er bringt uns noch weitaus mehr und doch wird häufig einer seiner Aspekte vergessen. Der König der Götter, der Gott der Könige schenkt uns auch Demut. Ja, Demut. Unter all den goldenen Kuppeln und hinter den prächtigen Roben steckt auch Demut. Jene innere Ergeben- und Bescheidenheit, die uns die eigenen Stärken erkennen lässt, aber auch die eigenen Schwächen und Grenzen. Demut, die unseren Geist und unser ganzes Sein erhebt, ohne auch nur ein Wort zu sprechen und unser Wirken auf das Gute richtet.
Demut gegenüber den Göttern. Denn wir sind nur ihre Werkzeuge. Einem jeden von uns haben sie in ihrem Plan bedacht und eine Rolle im Gefüge zugewiesen. Nicht immer ist diese Rolle uns selbst bewusst und auch nicht der dahinter liegende Plan, doch zur Demut gehört es auch, auf die Götter zu vertrauen und sich in ihren Dienst zu stellen. Denn wir alle sind nur ein Teil und die absolute und vollkommene Wahrheit erschließt sich nur dem Himmelskönig höchst selbst. Durch Demut können wir uns einander zuwenden. Einander besser verstehen. Einander besser unterstützen. Einander besser erkennen. Alles zum Bessern wenden.
Und dennoch wird Demut oftmals als Scheitern verstanden, obwohl sie doch Erkenntnis und Klarheit bringt. Demut eröffnet uns allen die Möglichkeit, uns selbst zu überdenken und damit aus dem Vertraut herauszutreten.
Jeden Tag erinnert uns der Lauf der Praiosscheibe daran, dass es nie zu spät ist, sich der Demut zu verschreiben. Ein jeder Tag ist eine neue Möglichkeit. Eine neue Herausforderung. Jeder Tag ist jetzt. Und jetzt ist ein guter Zeitpunkt für Demut. Demut gegenüber uns selbst. Vor allem jedoch Demut gegenüber den Göttern, Praios allen voran.«
Ein tragender Choral zu Ehren des Götterfürsten folgte. Dann erhielt ich meine zweite Weihe: »Damit du noch besser für unseren Herrn und seine Prinzipien streiten, sein Wort verbreiten und seine Tugenden lehren, dich gegen schändliche Umtriebe und unheilige Magie stellen kannst«, dabei blickte die gesamte Geweihtenschaft zu Hjore, der ein vielsagendes Lächeln auf den Lippen trug, »soll Praios dich erheben.« Und Praios erhob mich.