Olporter Tagebuch – Gier – Göttliches Wirken – 22. BOR 1016
Olporter Tagebuch – Gier – Göttliches Wirken – 22. BOR 1016

Olporter Tagebuch – Gier – Göttliches Wirken – 22. BOR 1016

Der Turm lag fast im Dunkeln. Die Praiosscheibe war beinahe schon untergegangen. Unten gab es eine offen stehende Tür. Ein leicht grünlicher Lichtschein drang durch die schmalen Schießscharten des Turmes. Blutblatt war am Turm hinaufgewachsen. Es wuchs nur an Orten, die von astraler Kraft durchzogen waren – hatte Hjore nicht davon gesprochen, dass sich hier zwei astrale Linien kreuzten? Doch nun war das Blutblatt verdorrt, ganz als hätte jemand die ganze dort gespeicherte astrale Kraft herausgepresst. Stattdessen wuchsen dort Pilze. Schwarze, widerliche Pilze. Rattenpilze. Sie waren nur dort zu finden, wo der Namenlose Einfluss besaß. Oben unter dem Dach lauerten mindestens zwei Harpyien. Meine Gedanken glitten Liscoms Turm in der Gor zurück. Dort hatten diese Kreaturen Rondrigo verwundet. Schwer verwundet.

Zunächst überquerten wir den zugefrorenen See. Doch weil keiner von uns wusste, ob uns die Eisdecke tragen würde, zogen wir das Boot vom Anleger hinter uns her. Am Turm angekommen, sammelten wir uns zunächst hinter einer großen Schneewehe. Wir verschafften uns einen Überblick, berieten uns über das Vorgehen mit den Harpyien. Vayah würde nur einen Schuss abgeben können, der die Harpyie vermutlich noch nicht mal tötete, und danach würden beide gemeinsam lautstark von unserem Kommen berichten. Vielversprechender als einfach auf die offene Tür des Turm zu zurennen, erschien das keinem von uns. Mir war unwohl, und gerade als ich das Gefühl hatte, mich übergeben zu müssen, kamen zwei Gestalten aus der offenen Tür des Turmes. Das eine war ein bäuerlich gekleideter Mann Anfang 40 und das andere der ungefähr 12 Götterläufe alte Junge vom Blaufüchsenhof, Peldor Blaufüchsen, den ich damals beinahe wegen versuchter Straßenräuberei verurteilt hätte, aber noch einmal Gnade vor Recht ergehen hatte lassen, denn stand Praios nicht auch für Demut? Doch nicht genug, mit einem alten Bekannten. Aus zwei Schneewehen in unmittelbarer Umgebung des Turmes gruben sich zwei weitere Personen heraus. Die eine war eine voll gerüstete Ritterin mit einem Andergaster, der andere war mein abgefallener Glaubensbruder aus Anderrath, Patras Hullheimer. Ich schluckte die Übelkeit hinab.

Rondrigo und Armatio stürmten zum Angriff voraus. Wir anderen eilten hinterher. Der erste Schlag Rondrigos brachte die Ritterin zu Fall. Armatio hielt auf Patras zu, doch seine Klinge konnte ihn nicht verletzen. Mein Sonnenszepter allerdings auch nicht. Er musste unter dem Fluch Praios‘ stehen. Es konnte nicht anders sein. Doch er lachte mir nur ins Gesicht. Wo denn nun mein Praios sei? Anjun kam von hinten, stieß meinem einstigen Glaubensbruder einen Pflock in den Rücken. Noch einmal versuchten Armatio und ich Patras erfolglos zu verwunden. Anjun trieb seinen Pflock weiter hinein, da kollabierte der Frevler und fiel zu Boden. Und Anjun kommentierte dies mit folgenden Worten: »Stirb, du Bastard.« Treffender hätte auch ich es nicht formulieren können.

Armatio eilte zu Vayah. Peldor und der andere Mann waren bei ihr. Mit einem gekonnten Schlag trennte er letzterem den Kopf vom Rumpf. Ich rief meinen Herren an und ließ einen Blendstrahl sowohl auf die noch immer am Boden liegende Ritterin als auch Peldor fahren. Der Knabe trug Brandwunden davon. Anjun machte sich daran, den Kopf meines Glaubensbruders mit einem Dolch abzusäbeln. Rondrigo hieb der Ritterin den Kopf ab, aber der Körper versuchte wieder aufzustehen und ihn anzugreifen. Ein weiterer Schlag brachte diesen aber dann endgültig zu Boden. Ich ging auf die offene Tür des Turmes zu, wollte meinen Schutzkreis vorbereiten, da sah ich zwei Schatten hinter der Tür und einer davon rief mit lauter Stimme: »Töte sie alle.«

Da wandte sich Armatio Vayah zu und schlug auf sie ein. Rondrigo lief ebenfalls auf die Tür zu, wollte gerade hineinstürmen und erstarrte. Anjun, der noch immer emsig den Kopf meines gefallenen Glaubensbruders absäbelte, rief mir zu: »Tu was!« Ich stimmte ein kurzes Stoßgebet an meinen Herrn an und rief das Auge des Praios‘ herbei. Augenblicklich wurde alles in gleißendes, warmes Licht getaucht und damit jegliche Zauber außer Kraft gesetzt und neue unterbunden. Ein Schatten im Turm zerbarst. Der Knabe bei Vayah, um den sich Gryox so lange gesorgt hatte, zerstob zu Staub. Ich deutete mit meiner freien Hand auf den Turm und rief: »Tötet sie alle.«

Wir stürmten hinein. Rondrigo voran. Dahinter ich. In der einen Hand das Auge Praios’, in der anderen mein Sonnenszepter. Ein missmutiger Hjore an meiner Seite. Es folgte Armatio. Dann die anderen.

Drinnen wurden wir bereits ein Stockwerk höher erwartet. In einem Kreis aus praiosheiligen Gegenständen kauerte eine Gestalt. Die Gegenstände stammten aus dem geschändeten Praios-Tempel in Anderath. Alle Gegenstände stammten aus diesem Tempel. Ich war mir sicher. Es konnte nicht anders sein! Dafür waren sie also gestohlen worden. Für dieses Ritual. Um ihn zu fangen! Die Kreatur musterte uns. Sie hatte pupillenlose Augen, ein hageres, aber gepflegtes Gesicht, trug eine schwarz verfärbte Rüstung und einen früher mal golddurchwirkten schwarzen Umhang. Seine Haltung verriet Schmerz, sein Gesicht allerdings nicht. Es war der Erzvampir, Walmir von Riebeshoff von der Acheburg und er versuchte uns zu überreden. Befreiten wir ihn aus dem Kreis, so wollte er uns gegen die da oben helfen. Wer denn da oben sei? Eine Hexe, unser besonderer Freund – gemeint war Liscom … oder doch Borbarad? – und ein namenloser Dämon. Ich weigerte mich entschieden. Die anderen ebenso. Würden wir ihn befreien, da war ich mir sicher, würde er im besten Fall fliehen und im schlimmsten Fall uns alle töten und dann fliehen. Er was so hochmütig gewesen und damit so dumm sich von ihnen fangen zu lassen, ich würde mich ganz sicher nicht mit ihm zusammentun. Nicht mit ihm. Nicht mit einem Erzvampir. Erst recht nicht mit einem von vermutlich Praios verfluchten Erzvampir. Er saß gefangen in einem Kreis aus praiosheiligen Artefakten, er musste von meinem Herrn verflucht sein. Leise murmelte er etwas vor sich hin, doch es geschah nichts. Das Auge Praios’, entgegnete ich ihm, würde jeglicher seiner billigen Zaubertricks unterbinden. Wir sollten besser nach oben gehen, wandte ich mich den anderen zu, das Auge Praios’ würde uns noch etwas länger unterstützen, aber eben auch nicht darüber hinaus.

Wie immer stürmte der gute Rondrigo voran. Ich dicht hinter ihm. Armatio folgte mir auf dem Fuße. Wir waren die Treppe zur Hälfte nach oben gegangen, da erlosch das Auge Praios’ in meiner Hand. Ein kalter Schauer jagte meinen Rücken hinab. Mein Kopf begann zu schmerzen. Ich verstand nicht. Es war noch nicht an der Zeit gewesen. Plötzlich taumelte Rondrigo rückwärts. Stieß gegen mich. Ich konnte gerade noch verhindern, dass er die Treppe hinab auf mich und dann auf Armatio fiel. Über uns war ein Knurren. Oder war es vor uns? Ich musste an Wallfried, den Büttel aus Anderath denken. Hatte er bei dem Überfall nicht auch von einem bedrohlichen Knurren gesprochen?

Eine Wand, erwiderte Rondrigo atemlos, da sei eine unsichtbare Wand. Das Auge des Praios’ sei vorzeitig erloschen, entgegnete ich. Das könne keine Magie bewerkstelligen. Das müsse das Wirken der Gegenspieler oder des Namenlosen sein. Vielleicht sogar Borbarads. Da oben, fuhr nun mein treuer Freund vor mir fort, da sei Liscom, Pardona und ein brodelnder Kessel und die unsichtbare Wand. Die Magiekundigen berieten darüber, was sie gegen die Wand unternehmen können. Schrecklich hilflos fühlte ich mich. Dieser Ort war meinem Herrn fern. Absolut fern. Ich fühlte mich abgeschnitten. Leer. Zum ersten Mal glaubte ich zu begreifen, wie Hjore sich fühlen musste, wenn er einen Tempel meines Herren betrat oder der Magiebann auf ihm lag. Mein Kopf schmerzte immer mehr. Übelkeit stieg wieder in mir auf. Hjore musterte mich besorgt. Er rief einen Wasserdschinn aus seinem Ring und bat ihn, die Mauer einzureißen. Warum diese Kreatur mich nur an Pardona erinnerte?

Das Knurren verstärkte sich. Wurde lauter und bedrohlicher. Der Dschinn drückte sich gegen die unsichtbare Wand. Mit Schaudern beobachtete ich ihn. Ein namenloser Dämon, kam mir in den Sinn. Das seltsame Knurren über uns. Mein Magen krampfte sich zusammen. Meine Kopfschmerzen wurden schlimmer. Ein unsichtbarer Dämon. Ein knurrender Dämon. Ein namenloser Dämon. Ein Grakvaloth. Ein viergehörter Diener des Namenlosen, der für alle unsichtbar blieb, bis auf seine Opfer. Eine Kreatur, die nicht einmal durch geweihte Waffen zu verletzen war. Nur durch magische.

Der Wasserdschinn hatte die Wand eingerissen, zog sich in den Ring zurück und dann war da der Grakvaloth über uns. Der schwarz geflügelte Löwe mit seinen glühenden Krallen griff Rondrigo an. Hieb mit seinen Pranken und Schwingen auf ihn ein. Er konnte sich nur einen Teil der heftigen Angriffe erwehren. Ich versuchte einen Blendstrahl, doch es geschah nichts. Armatio mischte sich ein. Doch so wuchtig sein Schlag auch gewesen war, er verletzte die Kreatur nicht. Ich stürmte die Treppe runter, machte Platz und rief: »Magische Waffen. Ihr könnt ihn nur mit magischen Waffen töten!« Und weil ich keine hatte, weil mein Herr nichts von Magie hielt, zog ich mich zurück. Vayah stürmte nach vorne, einen Dolch in ihren Händen. Das Almadiner Auge Hjores leuchtete intensiv rot. So rot hatte ich es noch nie gesehen. Hjore war blind. Zumindest konnte er mich nicht mehr richtig wahrnehmen, dafür aber alles Magische. Und hier war alles magisch. Absolut alles. Nur ich nicht. Ich war nicht magisch. Doch er hatte meine Stimme gehört. Und dann war da diese Stimme in meinem Kopf: »Aber vielleicht möchtest du ja zu mir kommen. Du siehst, ich kann dir große Macht nehmen … oder schenken, ganz wie du magst …« Ich zuckte zusammen und stöhnte schmerzerfüllt auf. Versuchte diese Stimme zu ignorieren und konnte es doch nicht. Sie war in meinem Kopf. In meinem Kopf! Ich könne nichts tun, wisperte ich Hjore leise zu, gar nichts. Praios sei nicht hier. Er sei nicht mehr da. Doch, erwiderte er mir und drückte mir die Keule in meine Richtung, ich kann nicht, da ist überall Magie, alles voller magischer Spuren und Linien. Ich nahm die Keule aus seiner Hand. Meine Finger begannen zu kribbeln. Fühlten sich seltsam taub. »Ich habe eine magische Waffe«, rief ich den anderen zu, stampfte die Treppe hinauf. »Nur ein kleiner Schritt«, raunte die Stimme in meinem Kopf und ich verfehlte den Dämon beim ersten Schlag. Inzwischen hatte Vayah es geschafft, den Dämon zu verletzen. Rondrigo warf sich immer wieder schützen vor sie. Ich fasste die Keule fester, hoffte, dass Praios mir zumindest verzeihen würde, aber ich hatte keine Wahl, er wollte sicher nicht, dass wir hier alle starben, dann schlug ich zu und traf. Ungläubig schaute der Dämon drein. Bei Praios, ich hatte mit einer magischen Waffe einen Dämon angegriffen. Ich, eine Praios-Geweihte, eine Dienerin des Götterfürsten, der Magie verabscheute. Dann löste sich der Dämon in blutroten Nebel auf. Wir hatten ihn getötet.

Doch oben waren noch Liscom und Pardona. Bisher hatte sie uns gar nicht richtig wahrgenommen. Da war ein Kessel. Es blubberte und brodelte darin. Rote Rauchschwaden darum herum. Am Boden ein Tridecagramm. In den Spitzen die Zeichen der Widersacher der Zwölfe und das des Namenlosen. Meine Nackenhärchen stellten sich auf. Schmerzhafte Gänsehaut überzog meinen gesamten Körper. Mein Mund war trocken, der metallische Geschmack von Blut auf meiner ausgetrockneten Zunge. Ich versuchte zu schlucken. Konnte nicht. Ich fühlte mich betäubt, gelähmt, konnte mich nicht bewegen, versuchte zu denken. Warum war mein Herr nur so weit weg? Warum konnte ich ihn nicht fühlen? War ich zu weit gegangen? War das eine Art, mich zu strafen? Hatte ich zu viel gegen seine Gebote verstoßen? War Hjore zu viel? Die magische Waffe in meiner Hand? Jemand rief, dass Gryox den Turm zum Einsturz bringen solle. Was auch immer hier gerade passierte, es durfte nicht gelingen! Doch vor meinem inneren Auge sah ich Hjore nur den Kopf schütteln. Vergeblich. Alles vergeblich. Das Kribbeln in meinen Fingern wurde immer unerträglicher. Da war noch immer dieses magische Ding. Ich hielt es noch immer in meinen Händen. Ich wollte es loswerden. Ich musste es loswerden. Voller Abscheu und Ekel, weil ich vielleicht damit letztendlich meinen Herrn vollauf verstimmt und gegen mich aufgebracht hatte, warf ich es von mir. Soweit ich konnte. Ganz weit. Langsam, unerträglich langsam flog es. Segelte durch die Luft. Ich sah es fliegen. So langsam. Es hätte fallen müssen. Doch es fiel nicht. Knallte hart gegen den dicken, wulstigen Rand des Kessels. Taumelte einen Moment. Dann stürzte es hinein.

Rote Flüssigkeit spie nach oben. Augenblicklich breitete sich dichter, roter Nebel aus. Erfüllte den ganzen Raum. Jede Ritze. Jeden noch so kleinen Spalt. Strömte über uns hinweg. Er befeuchtete meine Zunge. Schwer, metallisch, brennend, versengend, aber feucht. Und rann meine Kehle hinab. »Nur ein kleiner Schritt«, dröhnte es in meinem Kopf, »Oder Schluck?« Ich würgte. Ich keuchte. Der Nebel kondensierte. Bildete ständig größer werdende Tröpfchen. Dann klebrig, feuchte Klümpchen. Stetig größer werdende Klümpchen. Und eines zwang sich meine Kehle hinab. Wieder würgte ich. Ich krümmte mich. Ich versuchte nicht nachzugeben. Aber ich schaffte es nicht. Mit einer nie gekannten Kraft schob es sich in mich und hinab, weiter und weiter und weiter. Ich hatte das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Doch es ging nicht. Ich konnte nicht. Dabei war da etwas. Ich spürte es. Voller Grauen sah ich dabei zu, wie die Klümpchen sich um den Kessel sammelten, wuchsen weiter und weiter. Formten eine klebrige, blutige, feuchte Masse. Ich würgte weiter. Hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Immer mehr und mehr sammelten die Broken sich. Und formten sich. Bildeten Konturen. Ein menschenähnliches Wesen. Rumpf. Arme. Beine. Kopf.

Pardona streckte die Hand nach dieser Kreatur aus und verkündete: »Borbarad«

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