Ein gottloses Geheimnis – Untergang (Teil XI)
Ein gottloses Geheimnis – Untergang (Teil XI)

Ein gottloses Geheimnis – Untergang (Teil XI)

Die Skytt stieß am Treffpunkt zu uns. Sie brachte die braunen Roben und auch die Brandmischung, die der alte Herr angemischt hatte, mit. Gegen Abend, wusste sie zu berichten, versammelten sich alle in der runden Höhle unter der Kirche. Am besten, wir seien schon vorher da. Wo Märta sei, habe sie nicht herausbekommen, sicher halte sie sich irgendwo mit ihrer Tochter versteckt. Tränen standen der Mutter in den Augen, als sie über ihr Kind sprach. Wir würden alles tun, um ihre Tochter zu retten, versicherte der Adelige ihr da einfühlsam und ergriff mitfühlend ihre Hand. Ach, der gute Alexander war ein so wundervoller Mann!

Vor Sonnenuntergang brachen wir zur Höhle östlich des Friedhofes bei den großen Steinen auf. Wir schoben den Stein zur Seite, entzündeten die an den Wänden angebrachten Fackeln mit unseren und positionierten uns in die braunen Roben gehüllt um das Pentagramm herum. Dem Doktor oblag es, die Knochen im richtigen Augenblick – auf Zuruf – zu entzünden, weswegen er sich im Hintergrund halten wollte. Würden die Knochen brennen, würde auch der Kirchengrimm Feuer fangen und schlussendlich sterben. Hoffentlich nahm die verrückte Dorfvorsteherin die Grimmkatze nicht mit in die Höhle hinab, denn wenn das brennende Untier hier in wilder Panik in der Höhle herumtobte, waren wir alle in größter Gefahr!

Mehr und mehr in braune Roben gehüllte traten hinein. Unter ihnen auch die Skytt, deren rotes Haar aus ihrer Kapuze hervorquoll. Leise versuchten wir mit wenigen Worten die nach und nach eintreffenden davon zu überzeugen, Karström nicht weiter zu folgen. Sie plane eine von ihnen, eine aus zum Dorf zu opfern, das sei doch nicht richtig! Zwar blieben die meisten stumm und schauten uns nur mit großen Augen an, aber sie jagten uns nicht davon. Es war mir sogar so, dass sie intensiv über das Gesagte nachdachten. Und als wir dann noch auf die Skytt und ihre Tochter verwiesen, da schauten sie nur grimmig drein. Die Saat des Zweifels war in ihnen gesät worden und gerade dabei aufzugehen. Hoffentlich gedieh sie rasch.

Inzwischen waren ungefähr zwei Dutzend braun gekleidete Gestalten in die Höhle getreten, hatten sich um uns herum im Halbkreis um das Pentagramm gestellt und warteten. Da trat endlich Märta herein. Sie trug die feine grüne Robe aus dem Sägewerk und um ihren Hals eine prächtige Kette. An ihrer Seite hatte sie zwei kräftig aussehende, große Männer. Zwei weitere folgten ihr, doch diese hielten Abstand, standen im Schatten und schienen auf etwas achtzugeben. Erst als ich mich auf die Männer dort konzentrierte, konnte ich eine kleinere, schmalere Gestalt zwischen den mächtigen großen Schatten der Männer erkennen.

Die Dorfvorsteherin trat in die Mitte des Pentagramms, breitete ihre Arme aus und hob an zu sprechen: Finstere Mächte bedrohten das Dorf. Ihr Dorf. Ihrer aller Heim. Ihr Zuhause. Zuerst habe sie gedacht, die Bedrohung käme von außen. Durch die Fremden. Doch dann habe sie feststellen müssen, dass dem nicht so sei. Die Bedrohung, sie machte eine theatralische Pause und ließ ihren Blick über die Anwesenden schweifen, käme nicht in erster Linie von außen, sondern von innen. Ein unruhiges Raunen ging durch die Menge. Einige stellten das Geld über ihr Heim, ihr Dorf und die damit verbundene Gemeinschaft.

Mit ihrer Hand deutete die Karström auf die beiden Männer im Schatten, woraufhin einer mit der schmalen Gestalt in die Mitte ging. Das Kind trug nicht mehr als ein Nachthemd. Ihre Hände waren hinter dem Rücken gefesselt. Die roten Locken lugten unter einem Sack hervor. Mit einer einzigen fließenden Bewegung zog die Verrückte den Sack vom Kopf des Kindes. Es war Vilhelmina Skytt.

Lauteres Raunen ging durch die Menge. Einige erboste Aufschreie hatten sich bereits darunter gemischt. Die Saat, sie gedieht. Das war gut. Sehr gut. Doch noch war die Wut noch nicht groß genug. Noch baute sie sich auf.

Die Dorfvorsteherin zitierte Dorotea zu sich. Die liebende Mutter schlug ihre Kapuze zurück und trat mit erhobenem Haupt, aber leichenblass in die Mitte des Pentagramms zu Märta und ihrer Tochter. Da zog die Karström einen schwarzen, funkelten Dolch hervor. Das Material erinnerte an das Eisenerz, das auch hier in der Höhle zu finden war. Mit fester Miene hielt die Verrückte ihn der Skytt entgegen. Da begann sie zu schluchzen. Tränen liefen ihr unkontrolliert das Gesicht hinab. Am ganzen Körper zitternd, nahm sie den Dolch entgegen. Ihr Blick glitt Hilfe suchend durch die Menge.

Da schlugen Alexander, Birgit und ich unsere Kapuzen zurück und traten von verschiedenen Seiten in das Pentagramm hinein. Wie schuldig könne ein Kind schon sein? Wer sei denn der nächste? Was habe das Kind denn getan? Wolle sie sich wirklich weiter gegen Gott versündigen? Den Teufel mit seinen Dämonen heraufbeschwören? Wir alle machten einen weiteren Schritt auf die Karström zu. Ihre beiden Beschützer versammelten sich vor Alexander, der seinen Stockdegen zum Schlag erhoben hatte. Märta lachte jedoch nur. Sei das nicht der Beweis für die Gefahr? Nun würde sie uns ihre ganze Macht demonstrieren!

Während ich der Skytt deutete, die Verrückte mit dem Dolch anzugreifen, tat Birgit, als würde sie ein unsichtbares Streichholz anzünden und fallen lassen. Unser alter Herr, dem bisher niemand so recht Beachtung geschenkt hatte, entfachte daraufhin ein Streichholz und ließ es in den Eimer fallen. Sofort fingen die Knochen darin Feuer. Und schreckliches Gekreische und Geheul brach draußen aus. Der Adelige hatte den Teufel und seine Dämonen angekündigt. Jetzt waren sie da. Selbst mir stellen sich die Nackenhaare auf. Ich fröstelte. Die Dorfbewohner drängten hinaus. Dorotea warf Märta den Dolch vor die Füße. Niemals würde sie ihre Tochter Opfern, schrie sie ihre Gegenüber an. Die Dorfvorsteherin wurde bleicher und bleicher. Und je mehr ihrer Anhänger aus der Höhle flohen, desto kleiner schien sie zu werden.

Draußen klangen panische Rufe zu uns:  »Feuer! Feuer! Die Kirche brennt! « In der Höhle blieben nur die Verrückte, Dorotea, Vilhelmina, der Doktor, Alexander, Birgit und ich zurück. Angesicht der Ausweglosigkeit der Situation ergab sich Märta. Sie hat gut gespielt, aber sie war zu hochmütig gewesen und genau das hatte ihren Untergang bedeutet. Wir fesselten sie und führten sie hinaus. Mutter und Tochter lagen sich weinend in den Armen. Das Mädchen schien unverletzt, dennoch entdeckte unser alter Herr seine weiche Seite: Er reichte dem nur mit einem Nachthemd bekleideten Mädchen seinen Mantel – den er allerdings weit später harsch zurückforderte.

Die Kirche stand lichterloh in Flammen. Doch die Dorfbewohner hatten bereits eine Eimerkette gebildet und versuchten zu retten, was zu retten war. Ein Kirchenschiff war allerdings bereits eingestürzt. Manche erzählten von Feuer, das vom Himmel fiel und gewiss eine Strafe für ihr schändliches Verhalten gewesen sein musste. Eine Strafe Gottes. Feuer, das vom Himmel fiel? Das gab es doch gar nicht, oder?

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