Die englische Gesellschaft hatte uns nach London eingeladen! Ich konnte es noch immer nicht recht glauben. Mehrfach zwickte ich mich. Doch aus diesem Traum wollte ich einfach nicht erwachen. War es also gar kein Traum? Ich blickte aus dem winzigen Fenster der Kutsche hinaus und dort an uns zog London vorbei. Ja, London. Ein Zentrum der Kultur und Technologie und dazu noch der schmutzigste und stinkendste Fleck, den ich jemals gesehen oder gar gerochen hatte. Ein feines Lächeln legte sich über meine Lippen. Ja, hier waren wir also nun. Ich lehnte mich in der Kutsche zurück und seufzte. Die Reise war lange und beschwerlich gewesen, doch mein Buch über das Lesen von Menschen hatte mir das ein oder andere schmunzeln entlockt. Ob die ein oder andere Technik auch bei unserem widerspenstigen alten Herrn Doktor funktionieren würde?
Die Gesellschaft in London residierte in einem wunderschönen Herrenhaus. Ach, dachte ich da, warum konnte unser Schloss nicht auch so aussehen? Warum hausten in unserem Mäuse und Füchse, regnete es durch das Dach und zog es durch jede Ritze? Ein Anwesen, das von außen so hübsche und kostspielig aussah, war es gewiss auch von innen. Und sicherlich hatten sie auch mehr Personal als einen senilen »Gustav« und eine hinterwäldlerische »Sophia«. Ja, irgendwie vermisste ich die junge Frau.
In der Tat war die Begrüßung unserer englischen Freunde auf ihrem Anwesen sehr herzlich und freundlich. Sie sprachen langsam, sodass wir sie besser verstehen konnten. Es wurde natürlich Englisch gesprochen. Nach meinem Geschmack sprachen sie etwas zu langsam, wie man es mit Kindern oder Personen tat, denen es an Intelligenz mangelte. Doktor Nicklas sprach ebenso langsam mit ihnen, wie sie mit uns. Ach ja, unser alter Herr. Auch konnte man ihrem ganzen Verhalten entnehmen, dass sie sich für gebildeter und im Allgemeinen besser hielten. Sie wollten sogar von uns wissen, ob es bei uns Eisenbahnen gab. Was für eine Frage! Natürlich! Sie dachten wohl wirklich, wir kämen direkt aus den Wäldern! Und irgendwie ärgerte mich das schon, aber das hübsche Zimmer und die ein oder andere … nette Bekanntschaft halfen mir darüber hinweg, wobei das Essen … gewöhnungsbedürftig war. Sehr gewöhnungsbedürftig.
Eines einte jedoch unser Schloss und dieses Herrenhaus. Es gab auch hier einen alten Diener, der hier allerdings »James« genannt wurde. Ob er eigentlich wirklich so hieß? Oder war es wie bei unserem »Gustav«? Es war nicht der einzige gebrechliche Herr in unserem Umfeld. Die englische Gesellschaft war so nett uns einen Offizier im Ruhestand zur Seite zu stellen. Major Mclean hörte schlecht und erzählte immer wieder von einem Krieg in Indien und seinen Erlebnissen dort. Das alte Leute immerzu vom Krieg erzählen mussten! Wenn die Geschichten wenigstens gut gewesen wären.
Während unseres Aufenthaltes erhielt die englische Gesellschaft einen Brief und unsere englischen Freunde waren der Meinung, dass wir uns doch mal der Sachen annehmen sollten. Offensichtlich war es also nicht wichtig oder gar bedeutend genug für sie, aber für uns, die hinterwäldlerischen Schweden, reichte es allemal. Nun ja, es versprach eine nette Abwechslung zu werden. Major Mclean überbrachte uns also den Brief. Bevor wir diesen allerdings lesen konnte, führte er aus, dass sie hier in London ein Problem mit sogenannten Künstlerkolonien hätten. Pah, ein Problem, was sollte es denn da für Probleme geben? Die Menschen hier waren einfach nur entsetzlich verstockt! Gerade junge Menschen würden sich diesen oftmals anschließen. Eine richtige Plage sei das geworden. Sie feierten Partys, konsumierten Alkohol und Drogen. Und nähme ihnen die Frauen weg, merkte Doktor Lindroth an. Ach, mischte ich mich da ein, hätte er deswegen keine Frau? Nicklas zog die Augenbrauen hoch. James schüttelte verständnislos den Kopf und machte sich daran, den Brief vorzulesen.
Amelia Beddowes sorgte sich um ihren Bruder Martin. Er hielte sich für einen großen Dichter und hatte sich einer Künstlerkolonie im Bezirk Hampstead angeschlossen. Normalerweise erhielte ihre Familie regelmäßig Briefe von ihrem Bruder, in denen er um Geld bat. Doch seit mehr als zwei Monaten seien diese ausgeblieben. Ihre Nachforschungen in Newford House bei einer Dame namens »Kitty« seien erfolglos geblieben. Er sei zwar dort gewesen, aber schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen worden. Die Hausherrin berichtete von einer Abreise ihres Bruders. So recht konnte Amelia daran nicht glauben, denn einer der jungen und ausschließlich männlichen Künstler dort hätte die Taschenuhr ihres Bruders bei sich gehabt. Sie habe ein sehr schlechtes Gefühl bei dieser ganzen Angelegenheit und hoffe, dass wir ihr bei der Aufklärung des Verschwindens ihres Bruders helfen würden. Alleine käme sie leider nicht weiter. Gerne sei sie bereit, sich auch persönlich mit uns zu treffen.
Einen Moment hielten wir alle inne, ließen die Worte Amelias auf uns wirken. Es war der greise Offizier, der die andächtige Stille durchbrach: Welche Berufe übten wir noch einmal aus? Ich sei Schriftstellerin, erklärte ich ihm harsch, und damit Künstlerin, er sollte sich also gut überlegen, wen er fortan beleidige! Ach, mischte der Dr. Lindroth ein, noch suche man nach einer guten Anstellung für mich. Vielleicht auch nach einem Gatten, fügte er schelmisch hinzu. Was erdreiste er sich eigentlich, entfuhr es mir vollkommen fassungslos, ich bräuchte keinen Mann. Ich sei nicht auf der Suche nach einem Mann. Major Mclean schaute sichtlich pikiert drein. Dann sei ich nicht etwa hier, um einen Gatten zu finden? Nein, giftete ich den Offizier an.