Ein gottloses Geheimnis – Wildfang (Teil V)
Ein gottloses Geheimnis – Wildfang (Teil V)

Ein gottloses Geheimnis – Wildfang (Teil V)

Sei es denn nicht etwa schrecklich dumm, warf Dr. Nicklas ein, wenn der Mörder den Brief, der auf seine Tat hinwies, bei seinem Opfer ließe? Dann sei der Pfarrer vermutlich nicht der Täter, schloss Birgit nickend. Oh, entfuhr es mir, dann müssten wir aber auch davon ausgehen, dass der Pfarrer diesen Brief gar nicht abgefasst hatte. Und ganz wie im Märchen Aschenputtel, in dem man diejenige suchte, der der Schuh passte, müssten wir lediglich die Person suchen, deren Schrift das war. Das würde doch wohl zu schaffen sein, nicht wahr? Meine Begleiter zogen die Augenbrauen etwas tadelnd nach oben.

Gemeinsam suchten wir nun den Pfarrer in seiner Kirche auf. Da er gerade in ein Gebet vertieft vor seinem Altar kniete, räusperte sich Birgit einige Male sehr laut. Der alte und äußerst unansehnliche Mann erhob sich, wandet sich zu uns um und schob seine Brille zurecht. Er habe gerade ein Gebet für den Toten gesprochen. Woran er gestorben sei? Ein Wildtierangriff, erklärte der Arzt fast wahrheitsgemäß. Entsetzlich, kommentierte der alte Geistliche da kopfschüttelnd, dann müsse er dringend die Menschen im Dorf warnen, damit nicht noch einer dieser Bestie zum Opfer fiele. Mit einem vielsagenden Blick gab uns der Arzt zu verstehen, dass wir den alten Herren ablenken sollten. Daraufhin überschütteten Birgit und ich ihn mit Fragen. Der Ermordete sei einer der Fremden, die in das Dorf geschickt worden waren, um Wald aufzukaufen. Das sei höchst tragisch, erklärte er, atmete aber sichtlich erleichtert auf. Er schien froh zu sein, dass es keiner aus dem Dorf war. Habe er wirklich zu keinem der beiden Fremden Kontakt gehabt? Nein, versichert er uns glaubhaft. Und könne er sich vorstellen, wer es auf die beiden abgesehen haben könnte? Stirnrunzelnd schaute er uns an. Es sei doch ein Wildtierangriff gewesen? Eilig lenkte ich ab und kam auf die Inschrift und die dazu passende Abbildung zurück. Könne er mir dazu mehr sagen? Wieder schüttelte er den Kopf. Er habe mir alles gesagt. Was sei mit den anderen beiden fehlenden Teilen? Von ihrem Verbleib wisse er nichts, nur dass es sie gebe. In seiner Kirche seien sie jedenfalls nicht. Er kenne diesen Ort hier in- und auswendig.

Da kam Dr. Nicklas auch schon zu uns zurück. Gut, schloss ich, dann könnten wir jetzt gehen. Gemäßigten Schrittes, der alte Pfarrer konnte wohl nicht mehr so schnell, machten wir uns daran, zur Dorfhalle aufzubrechen. Der Gottesmann schritt voran. Wir folgten. Der Arzt klärte uns indes auf, dass er sich in die Sakristei geschlichen habe, um die Schrift im Brief mit der Schrift in den Kirchenbüchern zu vergleichen, dabei habe er festgestellt, dass jemand zwar versucht hatte, die Schrift des Pfarrers nachzuahmen, es ihm allerdings nicht gelungen war. Fest stand jedoch, dass dieser Brief nicht vom Pfarrer abgefasst worden war. Das bestätige also die Aussage des alten Mannes Birgit und mir gegenüber, schloss ich. Diese Spur war also bedauerlicherweise eine kalte. Wäre ja auch zu einfach gewesen. Das stecken wir aber auch mal wieder in einem Schlamassel. Und als ich so nachdachte und meinen Gedanken nachhing, da erblickte ich wenig von uns entfernt vollkommen unerwartete unseren liebreizenden Alexander. Überschwänglich fiel ich ihm in die Arme und begrüßte ihn. Ach, wie sehr ich mich freute, ihn zu sehen! Er war einfach all das, was unser guter Arzt nicht war: Nett, freundlich, höflich, gebildet und hübsch obendrein. Mit so wenig Worten wie möglich brachten wir unseren Begleiter auf den derzeitigen Stand unserer Ermittlungen. Ich ergänzte um die Inschrift, sowie die Abbildung in der Kirche. Wir vermuteten, dass dies alles mit einem Kirchengrimm zusammenhing, doch weil der Tote außerhalb des Kirchengeländes gefunden wurde und ein Kirchengrimm nur eben dieses beschützte, konnten wir uns noch keinen rechten Reim aus alle dem machen, dabei musste er es gewesen sein, die Spuren schienen recht eindeutig.

Während wir unsere Unterhaltung zu Ende geführt hatten, war der Pfarrer bereits in die recht einfach gehaltene rote, aber zweistöckige Dorfhalle gegangen. Wenig darauf kam der alte Herr mit vier kräftigen Männern heraus. Allesamt machten sie einen verstörten Eindruck auf mich. Ihre Gesichter schienen ungewöhnlich blass und fahl zu sein. Birgit erklärte sich bereit, die Männer zum Toten zu führen, doch bevor der Gottesmann ihr und den Männern folgte, bat er uns andere noch bei dem rothaarigen Wildfang der Skytts, ein Mädchen aus dem Dorf, welches immerzu durch die Wälder streifte, vorbeizusehen und sie und ihre Mutter vor der Bestie zu warnen.

So folgten wir der Beschreibung des Geistlichen zu einem der Häuser des Dorfes. Es öffnete uns eine gutaussehende rothaarige Frau, die sich uns als Dorotea Skytt vorstellten. Der Pfarrer hätte uns zu ihr geschickt. Dürften wir kurz hereinkommen? Natürlich, erwiderte sie uns, bat uns hinein und führte uns in ihre Stube, wo sie uns sogleich Kaffee und Plätzchen anbot. Dr. Nicklas war das jedoch nicht genug. Er bat um etwas Hochprozentigeres, angesichts der Umstände. Schnaps, entfuhr es da unserer Gastgeberin, und das zu dieser Zeit? Angesicht der Umstände, betonte der Arzt da nickend. Dorotea machte sich auf die Suche und fand in der Tat noch etwas Vodka von ihrem verstorbenen Gatten. Ob der allerdings noch etwas tauge, erklärte sie schulterzuckend, als sie etwas davon eingoss, könne sie nicht sagen. In einem Zug trank unser alter Herr den Vodka aus und ließ sich nachschenken. Ich knabberte an einem Plätzchen. Sehr delikat, lobte ich und nahm mir ein weiteres. Ein feines Lächeln legte sich über Doroteas Gesicht. Was uns zu ihr führe? August von Meijer schicke uns. Er habe zwei Arbeiter hierher geschickt, um Wälder zu kaufen. Nur einer von ihnen sei zu ihm zurückgekehrt, der andere sei einem Wildtierangriff zum Opfer gefallen und da ihre Tochter öfter durch die umliegenden Wälder steife… Vilhelmina, bestätige sie nickend. Und im selben Moment trat ein rothaariges Mädchen von ungefähr 16 Jahren in die Stube herein. Sie trug zwei erlegte Hasen bei sich. Gerade hatte sie anheben wollen ihre Mutter zu grüßen, da fiel ihr Blick auf uns. Neugierde trat in ihre Augen. Mit feiner Stimme wollte sie wissen: Wo denn dieser Angriff stattgefunden habe? Der Arzt nannte einen Ort weit weg. Oh, stellte das Mädchen fest, das sei wirklich weit weg und von dort seine wir hergekommen? Natürlich, beteuerte unser alter Herr weiter, wir seien mit der Kutsche angereist. Na dann, erwiderte sie und klang enttäuscht. Wer denn der Verletzte sei? Es gebe keinen, konnte ich es mir nicht verkneifen. Das Mädchen schaute nun noch fragender drein. Ihre Mutter schien jedoch den Ernst der Lage inzwischen erfasst zu haben und schickte ihr Kind auf ihr Zimmer nach oben. Das Mädchen brachte die beiden Hasen in der Küche und ging dann sehr langsam die knarrende Treppe in das obere Stockwerk hinauf, ganz so als wollte sie sich versichern, dass ihre Mutter es ernst gemeint hatte.

Die Hausherrin schien nachdenklich. Vielleicht hätte sie das Angebot damals einfach annehmen sollen. In Stockholm hätten sie gewiss ein besseres Leben gehabt. Eines mit mehr Möglichkeiten. Vor allem für ihre Tochter. Sie hatte Angst, das war ihr deutlich anzusehen, Angst um ihre Tochter. Doch warum? Eigentlich hatte sie unterschreiben wollen. Doch erst habe sie gezögert, dann die Fremden. Wir müssten wissen, ihrer Familie gehöre 2/3 der Wälder hier.

Sei es jemand aus dem Dorf? Nein, einer der beiden Fremden, antwortete Dr. Nicklas. Wie auch der Pfarrer zuvor schien sie erleichtert. Könne sie bei uns unterschreiben? Das sei leider derzeit nicht möglich. Zuerst müsse der Todesfall aufgeklärt werden, dann könne sie sicherlich bei August von Meijer unterschreiben. Wisse sie, was das Zögern der beiden Fremden verursacht habe? Etwas bei der Kirche, erwiderte sie, um das sie sich zuerst haben kümmern wollen und das alles änderte. Etwas hilflos zuckte sie mit den Schultern. Ihr Gatte sei recht früh verstorben und so sei sie allein für ihre Tochter verantwortlich. Wieder sprach die Angst um ihr Kind aus ihrer Stimme. Das Mädchen wolle gerne die Welt sehen und bereisen. Besser wir erzählten jedoch niemanden davon, denn die anderen im Dorf würden sicherlich nicht gutheißen, wenn sie über einen Verkauf nachdachte. Gerade Märta – erneut glomm Angst in ihren Augen – habe klargestellt, dass sie unter keinen Umständen verkaufen wolle, doch wenn sie es tat, müsse sie zukünftig ihre Bäume von jemand anderem beziehen, bisher bekäme sie diese aus ihren Wäldern.

Endlich stieß auch Birgit zu uns. Natürlich erhielt auch sie Kaffee und Plätzchen und aus irgendeinem unerfindlichem Grund begann unser alte Herr – vielleicht war er senil geworden – von den Impfungen des Mädchens zu sprechen. Mein Alexander grinste mich jedoch verschwörerisch an und nickte fast unmerklich mit dem Kopf. Da fiel mein Blick auf Vilhelmina, die oben an der Treppe lauerte und horchte. Oh, machte die Hausherrin da, die letzten Impfung ihrer Tochter sei bei ihrer Geburt gewesen. Dann seien dringend einige Impfungen fällig, meinte Dr. Nicklas nickend. Am besten noch heute. Über uns hörten wir leise, aber schnelle Schritte und eine Tür die ins Schloss geworfen wurde. Wobei, korrigierte der Arzt, habe das Mädchen heute bereits etwas gegessen? Natürlich, nickte Dorotea. Dann wohl besser morgen oder übermorgen. Er würde sie noch einmal dazu aufsuchen. Wenn er meine, erwiderte die Hausherrin diplomatisch.

Erneut kam sie auf den Vertrag zu sprechen. Gerne wolle sie ihn sofort unterschreiben. Da dies aber angesichts der Lage derzeit nicht möglich sei, könnten wir sie und ihre Tochter bei unserer Abreise mitnehmen und zu Meijer bringen? Wir versicherten ihr dies. Mehrfach. Ihre Angst war nur allzu offensichtlich. Der Arzt ließ sich noch die Flasche Vodka mitgeben. Er würde sie für die Hausherrin entsorgen. Ach, unser alter Herr, um keine Ausrede verlegen.

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