Nachdem unsere Gastgeberin sich in die Küche begeben hatte, konnten wir uns endlich miteinander austauschen. Sowohl Dr. Nicklas als auch ich hatte bereits von der Kreatur des Kirchengrimms gehört. Er wurde bereits beim Bau an einen gewissen Ort gebunden, hier sehr wahrscheinlich an die Kirche. Doch warum sollte er die beiden Arbeiter angegriffen haben? Sie konnten doch wohl nicht ernsthaft versucht haben, die Unversehrtheit von Friedhof oder Kirche zu stören? Birgit fielen mehrere Dinge auf. Zum eine gab es die Erzählung über eine Bestie, zum anderen wuchsen hier Bäume von außerordentlicher Holzqualität. Was, wenn beides zusammenhing? Sicher war jedoch, dass die Vaesen durch die zunehmende Industrialisierung bedroht waren. Träfe das auch hier zu?
Während sich Dr. Nicklas zu Bett begab, kehrte Märta aus der Küche zu uns zurück und fragte uns nach dem werten Herrn Doktor aus. Frei heraus erzähle ich ihr, was ich ihr erzählen konnte, allerdings war vermutlich nichts darunter, was sie hatte wissen wollen. Vielleicht hätte ich sagen sollen, dass der alte Herr meines Wissens nach noch ledig sei? Sie schien wirklich sehr an ihm interessiert. Ob dieses Interesse allerdings der Person des Dr. Nicklas Lindroth oder aber dem Fakt galt, dass wir hergekommen waren, um die tragischen Vorkommnisse zu untersuchen? Irgendwann gingen auch Birgit und ich zu Bett. In dieser Nacht schlief ich so tief und gut wie selten.
Frisch ausgeruht machten wir und nach einem reichlichen Frühstück am nächsten Tag ans Werk. Da zu dieser Zeit vermutlich noch niemand in der Dorfhalle anzutreffen war, entschieden wir den Pfarrer aufzusuchen. Dr. Nicklas unterstellte mir sogleich wieder unlauterer Absichten, dabei war ich auch an daran interessiert, was er zu der rotäugigen Bestie zu sagen hatte. Und ja, darüber hinaus fand ich es aufregend, mich an etwas »Verbotenen« zu versuchen.
Wir trafen den Pfarrer bei seiner Kirche auf dem Friedhof an. Im Vergleich zu dem junge Vater Klarhed, war dieser Pfarrer hier weder gutaussehend noch jung, ja er hatte noch nicht einmal mehr Haar! Durch und durch eine Enttäuschung! Der alte Herr mit Brille stellte sich als Ingvar Nyström vor. Auf meine Nachfrage zu der Bestie schüttelte er nur seinen Kopf. Von so etwas habe er noch nie gehört. Dann übernahm Dr. Nicklas das Wort. Sicherlich habe er vom Schicksal der beiden Fremden gehört? Gehört schon, aber Genaueres wisse er nicht. Dann tat der Arzt das, was auch ich getan hatte – er fragte nach der Bestie. Ob es mal wieder daran lag, dass ich eine Frau war? Nun horchte der Pfarrer auf, also wenn ich mich für alte Geschichten interessierte, dann könne er mir etwas interessanten in der Kirche zeigen. Eifrig nickte ich mit dem Kopf. Ich sei Schriftstellerin und interessiere mich immer für Geschichten. Gerade für die Alten.
So folgte ich ihm in dir Kirche hinein. Drinnen zeige er mir ein sehr alte, ehrwürdige und verschnörkelte Inschrift. Er selbst, betonte Ingvar da, könne sie nicht lesen. Sie handele von einer alten Legende, von der es insgesamt drei Teile gäbe. Nur einer dieser drei Teile befände sich hier. Die Legende wurde von einem Bild illustriert. Dieses zeigte eine ungefähr wolfsgroße Bestie, die gerade einen Menschen anfiel. Und die Legende dazu besagte Folgendes: Eine Katze gab ihm neues Leben. Etwas – er, also nicht die Katze – wachte auf ewig über diesen Ort. Wenn ihre Knochen – die der Katze? – das gleiche Schicksal ereilen, dann ginge es mit ihm zu Ende.
Gerade eben hatte ich die Inschrift zu Ende entziffert, da hörte ich draußen einen Schuss. Sowohl der Herr Pfarrer als auch ich zuckten zusammen. Nachdem wir uns kurz gefasst hatten, eilten wir hinaus. Was wohl geschehen sein mochte? Der Hausherr wollte sogleich wissen, was denn da los sei. Birgit und Dr. Nicklas befanden sich etwas außerhalb des Friedhofes. Einige Krähen saßen auf den umliegenden Bäumen. Die Jägerin erwiderte trocken, dass sie Gottfried gefunden hätten. Ich schluckte. Was denn mit ihm sei? Tod, meinte sie weiter, ich solle besser nicht näher kommen. Sein Leichnam sei grässlich entstellt. Mir wurde übel. Von Toten zu lesen war einfach etwas anderes, als sie zu sehen. Während die beiden sich den Leichnam genauer ansahen, holte der Pfarrer ein Tuch aus der Sakristei für den Körper. Es müsse ein großes Tier gewesen sein, meinte Birgit weiter. Ein Wolf oder ein Bär oder ein … Vaesen. Mit großer Kraft musste diese Wesen ihn mit einem Schlag das Genick gebrochen haben. Indes fand der gute alte Herr einen Brief in der Tasche des Toten. Es war eine Nachricht des Pfarrers an Herrn Hammarström, der nach Einbruch der Dunkelheit zu seiner Kirche hatte kommen sollen. Nun, Herr Hammarström lag unweit der Kirche. Tot. Was der Pfarrer wohl dazu zu sagen hatte?