Mit der Kutsche reisten wir zum Bahnhof. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht ging es dann im Zug weiter. Ich vertrieb mir die Reise mit einem wirklich sehr spannenden Kriminalroman. Das Vorgehen der Protagonisten war vielleicht etwas zu unkonventionell, aber sehr interessant – bei Gelegenheit würde ich es ganz sicher auch einmal auf diese Weise versuchen. Vom Bahnhof in Ånge ging es dann drei Tage lang mit der Kutsche weiter. An den Abenden kehrten wir immer wieder in Gasthäusern ein. Die Zimmer waren sauber, das Essen wohlschmeckend. Draußen wurde die Landschaft immer wilder und rauer. Die Luft wurde klarer und die Welt immer stiller – außer dem Rattern der Kutsche und dem Gesang der Vögel.
Schließlich erreichten wir die Stadt Härnösand. Sie lag an der Mündung des Ångerman-Flusses, an dem sich riesige Halden von gefällten Bäumen auftürmten, die den Fluss hinab geflößt werden würden. Das Dröhnen der Dampfmaschine aus dem Sägewerken Meijers war regelrecht ohrenbetäubend, aber klang für mich erstaunlich gut nach der ganzen unerträglichen Stille. Arbeiter wuselten um das Sägewerk herum. Neben dem Sägewerk stand ein Herrenhaus. Dort erwartete uns bereits sehnlich Herr Meijer. Er war in Wirklichkeit fast noch charismatischer als auf dem Bild, welches ich in der Bibliothek von ihm gefunden hatte. Gut, er mochte schon um die 50 Jahre zählen, aber machte das Alter Männer nicht nur noch reizvoller? Hoch erfreut begrüßte er uns, wobei ich ihm erlaubte mich Salome zu nennen, was er dann zu einem »Frau Salome« machte. Ach, war er nicht niedlich? Zuerst einmal bat er uns in seine gute Stube und es wurde aufgetischt. Neben reichlich klarem Quellwasser, gab es Bier, daneben Fisch, Fleisch, Gemüse und Kartoffeln – alles, was das Herz begehrte.
Erst danach schilderte er uns die in seiner Nachricht geschilderten Vorfälle noch einmal. Ganz besonders sorge er sich um seinen Arbeiter Gottfried. Zusammen mit Nils habe er die beiden ausgeschickt, die Lage zu erkunden und Land zu kaufen. Vor zwei Wochen habe er sie nach Färnsta losgeschickt, denn rund um das Dorf wuchsen Bäume von außerordentlicher Güte. Nun mache er sich schwere Vorwürfe, denn man habe ihn vor diesem Dorf gewarnt. Die Menschen dort hätten das Blut Gottes an ihren Händen – so erzählte man es sich zumindest. Von solchen Erzählungen hielt er jedoch nichts, dafür seien die Bäume, die dort wuchsen, einfach zu kostbar. So habe er also seine beiden Arbeiter ausgeschickt. Untergekommen seien sie bei der Dorfvorsteherin Märta Karström. Die letzte Nachricht, die er vor jenem tragischen Ereignis von ihnen erhalten habe, kündigte einen baldigen Vertragsabschluss an. Dann jedoch sei Nils Mitten in der Nacht im Unterhemd auf einem Pferd angeritten gekommen. Er habe am ganzen Leib blutige Striemen gehabt und immerzu von einem bösen Tier gefaselt, das in Färnsta umgehe. Ein Arzt habe ihn sich schon angesehen, aber leider nicht für ihn tun können. Aufgrund seiner gravierenden Stimmungsschwankungen von lammfromm zu äußerst aggressiv, habe man ihn zu aller Sicherheit einsperren müssen.
Dr. Nicklas wollte ihn sich den Patienten sogleich ansehen und so brachen wir alle gemeinsam zu ihm auf. Begleitung erhielten wir von einem sehr kräftig gebauten Mann mit breiten Schultern, der hoffentlich im Stand war den Verrückten zu bändigen, sofern es notwendig werden sollte. Der Mann saß zusammengekauert auf dem Bett und hielt seine Knie mit den Armen umschlungen. Die Augen starrten ins Nichts. Mal wimmerte er, mal knurrte er, dazwischen stammelte er von einer großen Bestie mit roten Augen, die gekommen sei, um ihn zu holen. Ungewöhnlich dünn und bereits etwas eingefallen war er, als habe er die letzte Zeit kaum etwas zu sich genommen. Ihn als Häufchen Elend zu beschreiben, wäre ein maßlose Untertreibung gewesen! Dem Doktor war sogleich klar, dass er dringend nach Uppsala gebracht werden müsse, dort würde man ihm gewiss weitaus besser helfen können. Wie zu Bestätigung begann der Verrückte nun auf allen Vieren auf dem Boden herumzukrabbeln. Am besten, so fasst Dr. Nicklas zusammen, nähmen wir ihn mit, wenn wir wieder nach Uppsala reisten. Fürs Erste jedoch gab der Arzt ihm etwas zur Beruhigung. Nils sackte daraufhin in sich zusammen und wurde in sein Bett bugsiert.
Meijer war mit dem Transport seines Arbeiters nach Uppsala einverstanden und wollte selbstredend dafür aufkommen. Wir erklärten uns bereit nach Färnsta zu reisen und uns dort der Angelegenheit anzunehmen, wobei unser Auftraggeber uns einschärfte auf jeden Fall sofort abzureisen sollte es gefährlich werden. Er wolle nicht, dass uns etwas zustieße und auf jeden Fall keine weiteren Verschollenen!