Olporter Tagebuch  – 8. Ron – Mittagszeit
Olporter Tagebuch – 8. Ron – Mittagszeit

Olporter Tagebuch – 8. Ron – Mittagszeit

Als wir die Krähen bemerkten, blieb keine Zeit für Überlegungen. Ihr Krächzen klang falsch – nicht wie das übliche Gezänk dieser schwarzen Aasfresser, sondern wie ein einziger, wütender Schrei. Wir rannten zum Baugerüst und begannen sofort hinaufzuklettern, während unter uns bereits Rufe laut wurden. Über uns schlugen schwarze Flügel, ein wirbelndes Chaos aus Federn und Schnäbeln.

Aurelia blieb unten stehen und rief die Kraft ihres Gottes herbei. Selbst im Lärm des flatternden Schwarms konnte ich ihre Stimme hören – klar und fest, wie immer, wenn sie sich an Praios wandte. Es beruhigte mich mehr, als ich mir eingestehen möchte.

Oben angekommen versuchten wir zunächst, die Arbeiter in Sicherheit zu bringen. Die Krähen griffen weiter an, hackten und kratzten, und mehr als einmal spürte ich Schnäbel durch Stoff und Haut dringen. Es waren keine tödlichen Verletzungen, aber schmerzhaft genug, um uns zu verlangsamen. Schließlich gelang es uns, die Männer vom Gerüst herunterzubringen.

Einer von ihnen hatte es schlimmer erwischt als die anderen. Der Maurer Ingrom hielt sich das Gesicht, und zwischen seinen Fingern sickerte Blut hervor. Als ich seine Hand vorsichtig wegzog, sah ich, dass eines seiner Augen von den Schnäbeln übel zugerichtet worden war.

Ich brachte ihn aus dem Kloster heraus und löste einen Balsam aus, der in meinem Stab gespeichert war. So ließ sich das Auge retten. Während ich noch damit beschäftigt war, rief ich nach meinem Heilerbesteck. Aargunde sollte es holen. Stattdessen schleppte sie meinen gesamten Rucksack an. Natürlich fand sie das Besteck erst nach einigem Wühlen. Immerhin reichte sie es mir schließlich, und ich konnte das Auge fachgerecht verbinden.

Ich wies Ingrom an, die Binde mindestens einen Tag lang nicht abzunehmen. Das Auge wird sich ganz erholen. Er nickte nur stumm – ich glaube, der Schock saß tiefer als der Schmerz.

Die beiden anderen Arbeiter, Gismond und Wolbur, waren glimpflicher davongekommen. Ein paar Kratzer, ein paar blutige Striemen – nichts, was nicht heilen würde. Kaum waren sie unten, verschwanden sie mit ihren Kameraden zum Essen. Eine sehr menschliche Reaktion, wie ich finde: Wenn man den Tod knapp verfehlt hat, klammert man sich gern an das Alltägliche.

Auch Rondrigo und Anjun hatten einige Blessuren davongetragen. Während ich sie versorgte, kam mir wieder mal der Gedanke, dass ich doch Schmerzwein brauche.

Aurelia berichtete schließlich, dass die Krähen unter einem Beherrschungszauber gestanden hatten. Naturmagischer Art, wie sie meinte. Das erklärte zumindest, warum die Tiere so zielgerichtet angegriffen hatten.

Nach dem Essen setzten wir uns zusammen, um die Ereignisse zu besprechen. Die Stimmung war angespannt, und die Diskussion wurde zeitweise recht hitzig.

Fest stand inzwischen, dass es wohl ein Zwerg gewesen sein musste, der Bruder Wismund getragen hatte. Außerdem waren da noch die Orkspuren, die wir entdeckt hatten – auch denen mussten wir nachgehen. Immer deutlicher zeichnete sich die Möglichkeit ab, dass hier zwei Gruppen am Werk sein könnten: Eine, die den Bau zu hintertreiben versucht, und eine andere, die hier etwas Großes erschaffen will. Ein Magnum Opus vielleicht.

Anjun jedoch wischte viele unserer Überlegungen beiseite. Ohne Beweise seien es nur Vermutungen, sagte er. Und leider hat er damit nicht ganz unrecht.

Dann brachte Gryox eine neue Möglichkeit ins Spiel: Vielleicht sei Nicola de Mott gar nicht der echte Nicola, sondern eine Art Doppelgänger.
Ich sah sofort an Aurelias Gesicht, woran sie dachte.
Und auch mir kam derselbe Name in den Sinn:

Liscom.

Allein der Gedanke ließ mich frösteln.

Am Ende hielten wir fest, was als Nächstes zu tun war:
Wir mussten herausfinden, wie viele Zwerge auf der Baustelle arbeiteten.
Wir mussten klären, wann die Sternenkonstellation eintreten würde.
Wir mussten die Orks verfolgen.
Und wir mussten Wege finden, unbeobachtet in die Bibliothek und das Mausoleum zu gelangen.

Anjun machte sich daran, die Zwerge zu zählen. Eine Weile später kam er zurück und berichtete, dass neun von ihnen auf der Baustelle arbeiteten.

Währenddessen hatte Aurelia sich zurückgezogen, um Zwiesprache mit Praios zu halten. Als sie zurückkam, wirkte sie ruhig – ruhiger als zuvor. Sie sagte, sie sei zu der Erkenntnis gelangt, dass das Zepter sich nicht im Kloster befinde, wohl aber in der Nähe.

Das gab schließlich den Ausschlag. Wir beschlossen, zuerst außerhalb des Klosters nach dem Zepter zu suchen. Und wenn wir schon dort draußen waren, konnten wir uns auch gleich um die Orks kümmern.

Vor dem Aufbruch zog Gryox sich zur Vorbereitung zurück. Außerhalb der Mauern legte er seine Kleidung ab, setzte sich auf den Boden und begann, sich auf die Umgebung einzustimmen. Druidenzauber – oder was immer es genau ist. Ich habe nie ganz verstanden, wie das funktioniert, und vermutlich will ich es auch gar nicht so genau wissen.

Aargunde jedenfalls konnte den Blick nicht davon abwenden. Es war ein wenig wie bei einem Unfall auf der Reichsstraße: Wenn eine schnelle Kutsche zu rasch um die Kurve geht und hinausgetragen wird. Man weiß, dass man nicht hinschauen sollte – aber man schafft es trotzdem nicht, wegzusehen.

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