Olporter Tagebuch – 8. Ron – später Vormittag bis Mittag
Olporter Tagebuch – 8. Ron – später Vormittag bis Mittag

Olporter Tagebuch – 8. Ron – später Vormittag bis Mittag

Anjun und Gryox durchsuchten noch einmal das Zimmer des toten Hüters. Wenn dort je etwas gewesen war, das uns hätte weiterbringen können, dann war es inzwischen verschwunden. Sie fanden nichts außer der üblichen klösterlichen Kargheit – und Staub. Viel Staub. Für einen Ort, an dem angeblich Ordnung und Wachsamkeit herrschen, wird hier erstaunlich viel übersehen.

Danach entbrannte eine Diskussion darüber, ob wir nicht direkt mit Nicola de Mott sprechen sollten. Immerhin werden uns an allen Ecken Steine in den Weg gelegt – verschlossene Türen, fehlende Bücher, Regeln über Regeln. Aurelia meinte, dass gewisse Vorschriften wie die Ausgangssperre für uns wohl kaum gelten könnten, schließlich seien wir hier, um zu helfen. Aargunde widersprach natürlich sofort und mit dem Eifer einer Novizin, die sich besonders korrekt geben will. Ihrer Ansicht nach gelten die Regeln für alle gleichermaßen.
Ich verkniff mir einen Kommentar. Manche Menschen verstecken sich wohl gern hinter Vorschriften – vielleicht gibt ihnen das Halt in einer Welt, die größer ist als ihre eigenen Gedanken.

Irgendwann gelang es Aurelia tatsächlich, Aargunde dazu zu bringen, zu berichten, was sie in Erfahrung gebracht hatte. Doch es war, wie zu erwarten gewesen war: nichts von Bedeutung. Kein Wort darüber, wie Nicola damals entkommen konnte, keine Namen seiner Begleiter, keine Umstände. Nur fromme Floskeln und vage Andeutungen. Es war unerquicklich.

Aurelia nahm Aargunde schließlich mit, um Nicola selbst zu befragen, während wir anderen die Lage besprachen. Es gibt zu viele offene Fragen:
Wer hat die Baupläne für den Tempel entworfen?
Warum werden überhaupt magische Materialien verbaut – in einem Praioskloster, ausgerechnet hier?
Und vor allem: Entspricht das, was hier gebaut wird, überhaupt dem ursprünglichen Plan?

Als Aurelia zurückkam, brachte sie zumindest ein paar Antworten mit – auch wenn diese neue Fragen aufwarfen.

Nicola de Mott war damals nicht allein geflohen. Zwei Brüder – Aurelion und Praiobur – waren mit ihm entkommen. Sie hätten sich entscheiden müssen zwischen der Rettung der Offenbarungen der Sonne und dem Zepter des Ordensgründers. Sie entschieden sich für die Schriften. Das Zepter sei zuletzt in der Krypta gesehen worden.
Die beiden Brüder seien derzeit nicht im Kloster. Auf die Frage, wie genau die Flucht gelungen sei, habe Nicola lediglich auf den Beistand Phexens verwiesen – und sich geweigert, mehr zu sagen.

Eine merkwürdige Antwort für einen Praiosdiener.

Die Entwürfe für die neue Kuppel stammen angeblich von einem zwergischen Baumeister namens Jandrin. Er sei im Phexmonat aufgetaucht, fast wie durch göttliche Fügung, und habe nicht nur die Pläne geliefert, sondern auch gleich die nötigen Materialien beschaffen können.

Als Aurelia das erzählte, wurde mir unwohl.
Zu viele Zufälle.
Zu viele Dinge, die einfach „so passiert“ sein sollen.

Aurelia meinte außerdem, Nicola habe keinen rechten Eindruck gemacht, als wüsste er, was mit dem Zepter überhaupt anzufangen sei. Der Abt wirkte verunsichert von unseren Fragen. Das allein ist schon verdächtig genug.

Wir beschlossen, uns diesen Meister Jandrin einmal genauer anzusehen.

Auf der Baustelle fanden wir ihn schnell. Der Zwerg war gerade dabei, einen Handwerker derart zusammenzustauchen, dass es durch den halbfertigen Bau hallte. Schließlich warf er ihn kurzerhand von der Baustelle. Währenddessen versuchte ich, unauffällig einen Odem zu wirken – doch wieder war es, als würde man gegen eine unsichtbare Wand drücken. Die Magie hier ist zäh und widerspenstig, als würde Praios selbst sie niederhalten. Der Zauber zerfiel mir zwischen den Fingern.

Wir folgten dem davongejagten Handwerker ein Stück, und Armatio sprach mit ihm. Der Mann ist seit fünfundzwanzig Jahren Steinmetz und hat schon mit Zwergen gearbeitet, aber so jemanden wie Jandrin habe er noch nicht erlebt. Ein Menschenschinder, sagte er.
Der Zeitplan – Fertigstellung bis Mitte Rondra – sei ehrgeizig, aber machbar, wenn alle zusammenarbeiten. Offenbar hat Jandrin zuvor schon in Ysilia gebaut und dort gute Arbeit geleistet.

Als wir wieder unter uns waren, stellte Armatio die entscheidende Frage:
Wer hat diesen Termin eigentlich festgelegt?

Eine weitere Frage ohne Antwort.

Wir beschlossen unsere nächsten Schritte:
Das Buch zu finden, auf das der Zettel bei Bruder Wismund verwiesen hatte.
Nach Handschriften des Toten zu suchen, um den Zettel vergleichen zu können.
Und – wenn möglich – die Krypta ohne Aufsicht nach dem Zepter zu durchsuchen.

Aurelia und Aargunde gingen zur Bibliothek, Armatio zurück zur Baustelle. Ich brachte Gryox in seine Unterkunft – er war vor Erschöpfung eingeschlafen. Selbst Druiden sind offenbar nicht gegen Schlafmangel gefeit.

Später berichtete Aurelia, dass sie tatsächlich in die Bibliothek gelassen worden war. Der Arbeitsplatz des toten Hüters war durchwühlt worden – jemand hatte dort offensichtlich gesucht.
Das Buch mit den Sagen aus dem Finsterkamm lag dort. Dasselbe Buch, in dem wir bereits die Geschichte über das Tal der Elemente gefunden hatten. Anjun meint, es müsse eine Verbindung geben.
Der Zettel bei Wismund verwies ebenfalls auf dieses Buch.

Jemand anderes hat also ebenfalls danach gesucht.

Der Mittagsgong rief uns schließlich zum Essen.
Doch auf dem Weg dorthin wurden wir von einem wütenden Krächzen aufgeschreckt. Ein Schwarm Krähen hatte sich über der Baustelle versammelt und stürzte sich plötzlich auf drei Arbeiter, die noch auf dem Gerüst standen.

Für einen Moment sah es aus, als würde der Himmel selbst sie angreifen.

Und ich frage mich immer mehr, ob das hier noch einfache Sabotage ist – oder ob wir bereits mitten in etwas viel Größerem stehen.

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