Olporter Tagebuch – Grenzenose Macht – 7. Ron, nach dem Mittagsmahl
Olporter Tagebuch – Grenzenose Macht – 7. Ron, nach dem Mittagsmahl

Olporter Tagebuch – Grenzenose Macht – 7. Ron, nach dem Mittagsmahl

Aufgezeichnet von Hjore Askirson

Ich habe mir angesehen, was Aurelia an den Fresken und Plänen gefunden hat.
Nichts Auffälliges. Was in diesem Kloster inzwischen beinahe schon als Provokation gelten muss.

Vayah und Gryox kümmerten sich um das herrenlose Pferd und brachten es in den Stall. Es fraß gierig, als habe man ihm Tage lang nichts gegeben – was den Verdacht gegen seinen Herrn, den Anconiter Emmerich, nicht gerade milderte. Rondrigo und Armatio suchten währenddessen Nicola de Mott auf, um seine Einschätzung einzuholen. Danach trafen wir uns alle im Obstgarten, zwischen halbwüchsigen Bäumen und sauber gezogenen Reihen, die mehr Ordnung ausstrahlten als der Rest dieses Ortes zusammen.

Rondrigo sprach es schließlich aus: Liskom.
Der Name hing einen Moment lang in der Luft, wie ein schlecht gezogener Bann. Und sofort folgten die Fragen, die man lieber nicht stellen will, weil sie allzu logisch sind.

Will man uns aus dem Kloster locken, um unsere Nachforschungen zu behindern?
Ist draußen eine Falle vorbereitet, während man uns hier drinnen beschäftigt?
Und wenn Liskom hier wirklich seine Finger im Spiel hat – warum sollte er ausgerechnet hier auftauchen, wenn er nicht etwas suchte, das mit magischen Linien zu tun hat?

Am Ende fassten wir Beschlüsse, wie man sie fasst, wenn man keine guten Optionen mehr hat:
Vayah sollte ausfliegen und nach dem verschwundenen Magus suchen.
Ich würde prüfen, ob es hier magische Linien gibt.
Und die Krypta – die mussten wir sehen. Ob die Hüter wollten oder nicht.

Natürlich folgte erst die Mittagsandacht. Und dann das Mittagsmahl. Praios verlangt Ordnung, auch wenn die Welt um einen herum aus den Fugen gerät. Danach endlich begannen wir, unsere Pläne umzusetzen.

Rondrigo und Vayah wollten vor dem Ausflug in der Bibliothek Karten studieren. Man verweigerte ihnen den Zugang – Regeln sind hier wichtiger als Vernunft. Nicola versprach, mit Hüter Quanian zu sprechen, doch Vayah entschied sich, ohne Karten aufzubrechen. Sonst wäre es zu spät geworden. Ein Risiko, aber im Moment war alles ein Risiko.

Gryox begleitete mich bei der Suche nach magischen Linien. Direkt vor dem Kloster wirkte er einen Odem. Er sah eine Linie, die ins Kloster hineinlief und dort zerfasert, als würde sie an etwas reiben, das ihr nicht bekommt. Als er mir davon berichtete, begann mein Auge erneut zu leuchten – ungebeten, unaufgefordert. Ich verfluche diesen Umstand inzwischen regelmäßig.

Von oben betrachtet ergab sich ein deutliches Bild:
Drei Linien kreuzen sich hier.

Eine relativ dünne Linie, schräg aus dem Boden, die eigentlich nach hinten in die Luft führen müsste, sich jedoch auflöst, als fehle ihr die Kraft.
Eine sehr dicke Linie, von West-Südwest nach Ost-Nordost verlaufend, leicht schräg – Firun zu Praios.
Und eine gewinkelte Linie von Süd-Südwest über das Kloster hinweg nach Rahja.

Die dicke Linie – Efferd zu Rahja, Bewegung und Verständigung – dürfte durch Dragenfeld und Baliho verlaufen, vielleicht nahe dem Nachtschattenturm, und südlich von Kendrar an der Salza vorbeiziehen.
Alle drei Linien treffen sich genau dort, wo die neue Kuppel errichtet wird. Der Knoten dort hat die drei- bis vierfache Stärke der ohnehin schon massiven Hauptlinie.

Die gewinkelte Linie zeigte eine deutliche Affinität zu Elementen, hier besonders stark zu Eis.
Und der Wohnbaum von Vayah und Gryox? Der steht natürlich direkt auf der dicken Linie.

Wir kehrten zurück und informierten die anderen. Während wir in einer unserer Kammern über die Konsequenzen diskutierten – leise, vorsichtig, ständig mit Blick auf Tür und Fenster – brach draußen Unruhe aus.

Artag, der Zwerg, lag im Tempelbau am Boden. Schaum vor dem Mund. Als man ihn hinausbrachte, begann er sich langsam zu beruhigen. Gryox kümmerte sich um ihn, sprach ruhig auf ihn ein, während Artag wirre Worte von sich gab:

Wirbel des Regenbogens.
Gefräßiges rotes Mondauge.
Schwarzer Wagen des rasenden Wahns.

Als er vollständig zur Ruhe kam, wusste er von alldem nichts mehr.

Kurz darauf erbat Aurelia offiziell Zugang zur Krypta. Bruder Bormund erklärte dabei, dass die Orks bei der Zerstörung des Klosters alle Sarkophage aufgebrochen hätten – bis auf einen. Den des Gründers. Ein Wunder, so sagte man. Eines, das sogar dem Boten des Lichts berichtet worden sei.

Ich mag Wunder nicht. Zu oft sind sie nur Namen für Dinge, die wir noch nicht verstanden haben.

Und hier, an diesem Ort, habe ich das ungute Gefühl, dass jemand sehr genau versteht, was hier geschieht – und uns nur Schritt für Schritt daran teilhaben lässt.

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