Olporter Tagebuch – Grenzenlose Macht – 7. RON
Olporter Tagebuch – Grenzenlose Macht – 7. RON

Olporter Tagebuch – Grenzenlose Macht – 7. RON

Der Morgen des 7. Ron begann, wie es hier üblich ist: zu früh. Wecken, dann die elendig frühe Morgenandacht in der Kapelle zum Sonnengruß. Praios’ Licht war klar und unerbittlich. Danach Frühstück im Speisesaal – Hafergrütze und dünner Tee, wie immer.

Später setzten wir uns in einer unserer Kammern zusammen. Anjun war misstrauisch, da Aargunde anwesend war, und prüfte Fenster und Türen, ob man uns belauschen konnte. Erst dann berichtete ich ausführlicher von meinem Traum. Wir diskutierten lange. Kann ein Traum der Traum eines Anderen sein? Mein Auge begann erneut zu leuchten, und ein roter Lichtstrahl tastete alle Anwesenden ab. Nichts Auffälliges. Keine Spur, kein Widerhall. Doch das beruhigte mich nicht. Armatio fragte nach früheren Träumen, nach ihrem Ablauf, nach Wiederholungen. Und da formte sich meine Vermutung: Diese Träume sind nicht unsere. Wir träumen den Traum eines Anderen mit. Und dieser Andere muss in der Nähe sein. Die Frage war nur: Ist Liskom zurückgekehrt? Oder hat er etwas hinterlassen, das noch immer träumt?

Wir beschlossen, den Gärtner und die Handwerker zu befragen. Zuerst gingen wir zu jenen, die am Tempel arbeiteten. Der Bau ist noch nicht abgeschlossen, doch der Innenausbau hat bereits begonnen. Dabei werden Mondstein und Mondsilber verwendet. Ich notierte mir das. Aurelia befragte einen Arbeiter zum Tod des Dachdeckers Breitbach. Der Mann erzählte, dass Breitbach plötzlich zu schreien begann, daneben trat und abstürzte. Anjun wollte mit den Dachdeckern selbst sprechen und nahm ihnen Essen und Trinken mit. Währenddessen diskutierten wir über die Verwendung von Mondsilber und Mondstein anstelle von Gold. Ich sehe keinen ästhetischen Grund dafür. Und selten sind solche Entscheidungen rein ästhetisch.

Ein Novize aus dem Küchendienst holte Aurelia zu Bruder Emmeran. Ich folgte ihr. Emmeran führte uns nicht in die Küche, sondern zu den Hühnerställen. Fast alle Tiere waren tot aber unversehrt. Vayah fand braune Kügelchen im Futter – Rattengift.

Aurelia befragte Emmeran ruhig, aber eindringlich. Die Novizen hatten die Hühner gefüttert.
Rattengift war entwendet worden – angesetzt von Bruder Ucurius, dem Medikus. Warum das nicht zur Sprache kam, wusste Emmeran nicht. Er war bei unserem ersten Gespräch mit den Hütern nicht anwesend. Seit wann es das Rattenproblem gibt, konnte er nicht genau sagen. Und warum es keine Katze gibt, wusste er ebenfalls nicht – keine sei eingetroffen, keine hergebracht worden.

Mir erschien die Sache klarer, je länger wir darüber sprachen. Das Gift war nach dem Füttern beigefügt worden. Es war zu auffällig, um versehentlich im Futter gewesen zu sein. Der Täter muss jemand sein, der sich überall bewegen kann, ohne aufzufallen. Ein Geweihter. Oder ein Novize.

Als Emmeran fort war, berichtete Anjun von den Dachdeckern. Keiner hatte bestätigt, einen Geist gesehen zu haben. Breitbach hatte geschrien – und war dann ins Leere getreten. Woher das Gerücht vom Geist kam, wusste niemand. Wir diskutierten magische Möglichkeiten. Es gibt Zauber, mit denen man so etwas bewirken kann. Keine Illusion – die anderen hätten sie gesehen. Wahrscheinlich eine Beherrschung. Und, wie Armatio anmerkte, müsste der Zaubernde dafür nicht einmal auf dem Dach gewesen sein. Der Boden hätte gereicht.

Mein Verdacht verfestigte sich: Der Täter ist Teil des inneren Zirkels dieses Klosters.

Wir planten die nächsten Schritte:
– Pläne des Ausbaus einsehen.
– Den Gärtner befragen.
– Die Herkunft des Mondsilbers klären.
– Ucurius zu Tonnys befragen.

Armatio informierte die Sonnenlegionäre. Aurelia machte sich daran, die Fresken auf magische Spuren zu untersuchen und die zugehörigen Pläne einzusehen.

Zur Mittagsandacht wurde geläutet. Rondrigo war begeistert – und zugleich so katastrophal laut, dass ein Novize ihn aus der Kapelle holen musste. Danach Mittagessen: Brot und Suppe in bekannter Klosterqualität. Anjun zog sich anschließend zurück.

Wir wollten danach mit Bruder Ucurius sprechen, als wir einen Ruf hörten: „Was ist das da?“ Rondrigo kletterte auf ein Baugerüst und meldete ein herrenloses, gesatteltes Pferd vor der Mauer. Wir gingen hinaus. Das Tier war erschöpft, verängstigt. Vayah näherte sich ihm, schüttelte den Kopf und trat zurück. „Ich kann jetzt nicht mit dem Pferd sprechen.“ Gryox hingegen beruhigte es.

Eine Novizin erkannte es: Das Pferd gehörte Magister Emmerich, einem Anconiter der öfter auf seinen Reisen im Kloster Halt macht. Nun konnte Vayah mit dem Pferd sprechen. Sie nahm ihm den Sattel ab. Ich durchsuchte die Taschen.

Proviant.
Decken.
Kochgeschirr.
Zwei große Bücher.
Eine silberne alchemistische Schale mit Symbolen.
Ein Geldbeutel.
Eine Phiole mit klarer Flüssigkeit.
Und eine gläserne Schatulle mit Samt ausgekleidetem Inneren. Darin ein Splitter aus Onyx, kaum größer als ein Fingernagel, flach, unregelmäßig geformt, in eine passende Silberfassung eingelassen. Ich steckte mir den Splitter an.

Das Pferd erzählte Vayah, wo es den Reiter verloren hatte. Sie versuchte, es Gryox aufzeichnen zu lassen – vergeblich. Der Reiter war abgestiegen, fortgegangen und nicht zurückgekehrt. Vayah meinte, sie würde die Felsformationen wiedererkennen, wenn sie sie sähe. Das Pferd war beleidigt. Und hungrig. Und durstig. Der Anconiter hatte es einfach stehen lassen. Das habe er noch nie getan.

Ich schreibe dies nun nieder und spüre erneut dieses Ziehen hinter dem Auge.
Zu viele Zeichen. Zu viele Fäden, die in denselben dunklen Knoten laufen.
Und irgendwo in diesem Kloster träumt jemand – und ich fürchte, ich träume mit.

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