Ich schreibe diese Zeilen im fahlen Laternenlicht unseres Gästequartiers, und während die Feder kratzt, hört man das Schnappen der Rattenfallen ringsum wie ungeduldiges Klicken kleiner Zähne. Ein angenehmer Ort ist dies nicht, und ich glaube nicht, dass er es in den letzten hundert Jahren je war.
Heute gegen Spätnachmittag erreichten wir endlich den Talkessel, den die Mönche „Mönchstal“ nennen. Die Sonne stand schon tief, Firun warf lange Schatten hinter die Reste alter Hütten, und ein Stück weiter sah man ein neues Zeltlager, das für die anstehenden Bauarbeiten errichtet worden sein muss.
Über allem ragte jedoch der gewaltige Bau der alten Klosteranlage – der Bergfried fast unversehrt, dafür die Ringmauer geborsten, als hätte ein Riese versucht, sich hindurchzufressen. Ich wusste aus den Chroniken der Olporter Bibliothek um die Ereignisse: das Jahr 1012 BF, der große Orkvorstoß, mehrere tausend Schwarzpelze, ein Kloster, das nur einen Tag hielt. Nur Nicola de Mott und zwei Begleiter überlebten. Ein dunkler Ort.
Nun soll es neu entstehen, auf Anweisung des Boten des Lichts. Seit einem Jahr werkelt man daran – und offenbar will irgendwer oder irgendetwas dies verhindern.
Wir wurden am Tor abgeholt, an den Zwillingsbastionen vorbei, durch den Innenhof bis hin zum zerstörten Tempelbau. Die Luft roch nach frischem Mörtel, kaltem Stein, angebrannten Balken und … etwas anderem. Etwas, das sich wie schwerer Druck im Nacken anfühlte. Ich versuchte nicht zu zaubern, aber schon der bloße Gedanke an ein einfaches Spüren der Astralmatrix war … zäh. Widerständig. Als würde man versuchen, durch kalten Brei zu waten.
Unsere Quartiere liegen oberhalb der Brauerei. Die Brauerei selbst ist nicht in Betrieb, was meinem thorwalschen Herzen einen Stich versetzt hat. Acht Zimmer – und in jedem Rattenfallen. Nicht bloß zwei oder drei. Dutzende.
Efferdin, ein junger Novize, erklärte uns den Tageslauf. Praiosdienste ab frühester Stunde, kaum Pausen, einfache Speisen, viel Arbeit, noch mehr Arbeit. Ich bewundere Aurelias Ernsthaftigkeit, mit der sie sich das anhörte – für mich klang es sehr nach „Hjore, du wirst um fünf Uhr geweckt, und wehe, du murrst.“
Bruder Tobur erklärte uns die Gewohnheiten des Ordens – keine Musik, keine Ausschweifung, keine Freude, die nicht aus Ordnung geboren sei. Für alle gibt es Gästeroben, so wie die aussehen bin ich froh, dass ich mich auf die Kleiderordnung des Codex berufen muss. Ich frage mich manchmal, ob die Welt wohl insgesamt fröhlicher wäre, wenn man all ihre Praiosdiener einmal zu einem richtig guten thorwalschen Fest zwänge. Vermutlich nicht. Vermutlich würde es brennen.
Aurelia, Aargunde und ich haben später das Badehaus aufgesucht. Es war erstaunlich gut in Schuss – fast zu gut im Vergleich mit dem Rest. Eine zugemauerte Außenwand, eine verschlossene Treppe nach unten. Seltsam. Und wieder dieses Gefühl von … Druck.
Aurelia bemerkte es auch, glaube ich, aber sie sprach nicht darüber. Inzwischen hatte sich Vayah einen Baum direkt außerhalb der Mauern bezogen und begann diesen zu formen.
Am Abend dann der Gongschlag, die Andacht. Praios’ Lob, Preisungen des Alveraniars Urishar Arras de Mott. Rondrigo ging darin völlig auf – ich sah, wie seine Haltung fester wurde, als zöge seine Seele Licht durch die Rippen.
Mir schmerzte nur der Rücken vom langen Stehen.
Nach dem Essen im Refectorium wurden wir zu einem Gespräch mit Nicola de Mott und anderen wichtigen Personen gebeten: Hüter Quanian, ein Mann mit wachen Augen; Hüter Bormund, der uns misstrauisch musterte wie ein Wolf, der glaubt, sein Futter sei schlecht geworden; und der Baumeister.
Die Ereignisse der letzten Tage sind … beunruhigend.
Der Dachdeckermeister – tot. Sturz aus fünfzehn Schritt Höhe. Vorher so bleich, als hätte er einen Geist gesehen.
Dann die gestohlenen Tonnysblüten. Alle. Dieser Diebstahl macht mir Sorgen, denn Tonnys ist nicht irgendein Kraut – es dient der Meditation, dem Brauen von Zaubertränken und, wie Gryox ergänzte, auch Willenstrunk und Aufputschmitteln.
Dass es hier angebaut wird, ist … merkwürdig.
Sabotage, so lautet die Vermutung.
Etwas, das verhindert, dass das Kloster wieder aufgebaut wird.
Etwas, das die Götter verhöhnt, sagen die Hüter.
Ich halte mich mit solchen Urteilen zurück, aber ich sehe: Etwas stimmt hier nicht. Tiere verhalten sich seltsam, die Pflanzen wachsen ungewöhnlich, Handwerker reden hinter vorgehaltener Hand, und dann überall diese Ratten.
Bormund meinte, wir sollen Wache halten, helfen, herausfinden, wer oder was hier Unheil will.
Quanian hingegen war … erleichtert. Wenn ein Bibliothekar erleichtert ist, dass eine Gruppe fremder Heldinnen und Helden kommt, dann bedeutet das meistens, dass irgendwo ein sehr altes, sehr schlechtes Buch nicht mehr dort liegt, wo es liegen sollte.
Später, als wir in unseren Zimmern zur Ruhe kamen, hatte ich einen Traum – und ich hoffe inständig, dass es nur ein Traum war.
Ich saß auf einem Thron.
Ein vielfarbiger, pulsierender, lebendiger Thron, und jede Pore meiner Haut vibrierte vor Macht.
Unter mir wimmelten kleine Kreaturen, winzige Gebäude, winzige Gestalten.
Ich griff hinab.
Zerdrückte eines der kleinen Häuser zwischen meinen Fingern – und es ergoss sich ein Strahl warmen, dicken Blutes.
Mehr, als möglich sein konnte.
Ein Strom ohne Ende.
Und ich wusste: Bald würde ich trinken. Sehr bald.
Ich erwachte mit einem Geschmack im Mund, den ich nicht beschreiben will.
Aurelia schlief tief und ruhig.