Anfang Rondra brachen wir nach Arras de Mott auf. Lange hatten die Vorbereitungen gedauert. Es war ein verregneter Sommertag. Er passte zu meiner Stimmung. Unsere Kinder ließen Hjore und ich schweren Herzens zurück. Wer wusste denn schon, was uns da erwartete? Sicherlich nichts, was der Sicherheit und Unbescholtenheit unserer Kinder zuträglich war. Zwar waren sie bei Tante Glorificata sicher, aber dennoch schmerzte die Trennung. Wie viel Zeit hatte ich mit Elene oder gar Askir denn schon verbringen können? So viel ich konnte, meine Pflicht band mich, so wie sie auch Hjore band. Und dennoch wünschten wir beide uns mehr. Mehr gemeinsame Zeit. Mehr Frieden. Si vis pacem para bellum – Wer den Frieden sucht, bereite den Krieg vor.
Wenige Tage vor unserem Aufbruch war eine Reisegesellschaft aus Arras de Mott in Greifenfurt eingetroffen. Die meisten Teilnehmer des Zuges waren Angehörige des Ordens des Heiligen Hüters. Unter ihnen Bruder Emmeran, der damals in Anderath Spenden für das Kloster Arras de Mott gesammelt hatte. Er erinnerte sich so gut an mich, wie ich mich an ihn. Jüngst, so berichtete er, seien sie von Schwarzpelzen angegriffen worden. Zwar hätten sie die unter ihnen befindlichen Zwerge schließlich vertrieben, allerdings hätte dieser Angriff dennoch Bruder Ansgars Leben gefordert. Damit hatte er auf eines der Packpferde mit einem Körper gedeutet. Lange, so fuhr Bruder Emmeran fort, wollten sie hier nicht verweilen. Sie müssten bald wieder ins Kloster zurück. Man erwartete sie. Wir könnten sie begleiten, schlug ich vor, meine Gefährten seien kampferprobte Männer und Frauen und würden den Zug sicherlich gut vor den Schwarzpelzen schützen können. Bruder Emmeran hielt das für eine gute Idee und wir hatten ohnehin überlegt uns einem Zug anzuschließen. Ich begleitete meine Brüder und Schwester in den Tempel unseres Herren, Aargunde an meiner Seite. Meine Gefährten bereiteten den Aufbruch vor.
So geschah es auch. Schwer bepackt brachen wir auf. Der verwirrte Zwerg Arthag wurde von Schwester Boronhild gebracht. Was er wohl hier wollte? Es sei sein freier Wille gewesen, sich dem Zug anzuschließen. Er sei ein begabter Schnitzer und wolle seine Fähigkeiten dem Herrn Praios zur Verfügung stellen. Was war eigentlich nur aus der Kirche des Götterfürsten geworden? Nicht nur, dass es noch immer einen verwirrten Frevler gab, der für sich beanspruchte der wahre Bote des Lichts zu sein, sondern nun konnte jeder dahergelaufene, zerzauste und geistig verwirrte bei uns Aufnahme finden?
Mein Freund Armatio brachte Aargunde auf dem Weg das Reiten bei. Zumindest versuchte er es. Ich sah gelegentlich dabei zu. In den Nächten schlief sie neben mir. Nach einer Nacht, in der sie zwischen mir und Hjore geschlafen hatte, erst hatten unsere beiden Kinder Nähe verhindert, jetzt war es meine Novizin, verordnete ich ihr den Platz zur anderen Seite. Anscheinend, so Hjore, habe sie sich die ganze Nacht unmöglich aufgeführt und ihn verflucht und getreten und ihm keinen Augenblick Schlaf gegönnt, auch wenn ich nichts davon mitbekommen hatte. Ich hatte keine Lust mich zu streiten und außerdem wollte ich mich nachts lieber an Hjore kuscheln.
In einer Nacht, Hjore und ich hielten Wache, wurden wir von Orks überfallen. Mit unserer Kampfkraft und Erfahrung machten wir den Angreifern schnell den gar aus, aber Aargunde setzte der Angriff zu. Ich fand sie zusammengekauert im Zelt. Ob es vorbei sei? Ja, der Angriff sei vorüber. Hätten wir gesiegt? Wir hatten gesiegt, wie immer. Sie nickte lediglich. Sie würde sich daran gewöhnen, meinte ich da nur. Daran gewöhnen? Ja, erwiderte ich und zuckte mit den Schultern, der Angriff heute sei noch harmlos gewesen. Ich tätschelte sie beruhigend. Sie solle sich das nächste Mal einfach hinter mir verstecken, wenn wir angegriffen würden. Jetzt nickte sie erneut. Und keineswegs, niemals hinter Hjore, fügte ich hinzu. Das, entgegnete sie mir da, würde sie gewiss auch niemals tun. Erneut tätschelte ich ihre Schulter. Meine Robe war von oben bis unten mit dem Blut der Schwarzpelze besudelt, was vermutlich auch nicht gerade ihrem Zustand zuträglich war.
Nachdem alle Verwundeten im Lager versorgt worden waren, legten Hjore und ich mich wieder hin. Aargund war da noch wach und zitterte noch immer. Armes Kind. Ich legte mich zu ihr und nahm sie in die Arme. Meine schmutzige Robe hatte ich ausgezogen.
Am nächsten Morgen gab es Haferbrei. Gryox hatte gekocht. Während ich mit Aargunde aß, sahen sich Hjore und Anjun die toten Schwarzpelze, die man in den Wald gezogen hatte, an. Es gab keine Spuren von Magie an ihnen, sah man von Hjores gegen sie eingesetzter mal ab. Sie fanden auch sonst nichts Relevantes. Wir brachen auf. Dieses Tag war etwas wärmer. Aargunde wirkte erschöpft.
Am Abend erreichten wir die Überreste eines Dorfes, das den Orks vor vielen Götterläufen zum Opfer gefallen war. Mehr als ein verkohlter Haufen von Ruinen war nicht geblieben. Aargunde eröffnete am abendlichen Lagerfeuer, dass sie genauso kämpfen wollte wie ich. Sie wollte sich gegen die Schwarzpelze zur Wehr setzen, am besten mit einem Sonnenzepter. Zwar verstand ich ihren Wunsch, allerdings war eine geweihte Waffe des Herrn Praios nur Geweihten vorbehalten und zudem war ich zwar in der Lage ihr alles über den Herrn Praios zu lehren, aber eben nicht gut genug mit der Waffe um sie daran auszubilden. Gryox verschwand im Wald und kam wenige später mit einer an ein Sonnenzepter erinnernden Waffe aus Holz zurück. Ob er zum Erschaffen Magie benutzt habe? Natürlich habe er die Kraft Sumus genutzt. Ich untersagte ihm diese Waffe an Aargund weiterzugeben und Aargunde den Umgang damit, vermutlich hätte es letzteres aber gar nicht bedurft. Oh, wie wütend ich auf ihn in diesem Augenblick war. Wie konnte er nur auf solch eine dumme Idee kommen?
In dieser Nacht hielten wieder Hjore und ich eine der Nachtwachen. Aargund war auch dabei. Wir vernahmen ein unheimliches Gewimmer aus den Ruinen. Eine nähere Betrachtung von Hjore und mir ergab, dass es sich um eine Art Irrlicht handelte. Ein ruheloser Geist, der exorziert werden musste. Mein Gatte riet dazu, es erst einmal in Ruhe zu lassen und ich willigte ein. Wir weckten Armatio und Rondrigo und warten vor dem Irrlicht. Am Morgen unterrichten wir Bruder Emmeran darüber. Der erinnerte sich, dass einer seiner Brüder einmal etwas Ähnliches vernommen hatte. Obgleich dieser Geister exorziert werden musste, sahen wir im Augenblick davon ab. Er sei nur bedingt gefährlich und zudem sei dies eine Aufgabe der Kirche des Schweigsamen. Aargunde erklärte ich später, dass ein Exorzismus sehr kräftezehrend sei und da ich keine Ahnung hatte, was uns im Kloster erwartete, meine Kräfte lieber schonte, zumal die Kirche des Götterfürsten zwar für Dämonen und niederhöllische Kreaturen zuständig sei, aber eben nicht für Geister, was so eine Austreibung ungemein schwieriger machte. Obwohl sie nickte, blieb der fragende Ausdruck in ihrem Gesicht.
Der nächste Tag war schwül. Am Abend erreichten wir eine winzige Berghütte. Eine der Nachtwachen übernahm ich mit Aargunde. Hjore musste sich erholen und wieder zu Kräften kommen. Sie wollte wissen, wie das zwischen Hjore und mir passiert war. Zuerst versuchte ich zu erklären, aber da die Ungläubigkeit in ihrem Blick immer größer und größer wurde, lenkte ich später ab und ließ sie davon berichten, was sie bereits alles im Tempel gelernt hatte. So verbrachten wir die Nacht und weckten danach die nächsten.
Die Kühle des Morgens weckten uns. An diesem Tag folgten wir einer Passstraße. Aufmerksam und skeptisch beäugten wir die Rotpelze, die sich in der Nähe herumtrieben, aber sich noch unschlüssig schienen, ob sie uns angreifen sollte oder nicht. Die Nacht blieb allerdings ruhig. Vermutlich hatten sie entschieden, dass ein Angriff auf solch eine Gruppe zu gefährlich sei. Richtig so! Ein weiterer Morgen brach an. Wieder kühl. Recht nebelig. Bald darauf schob sich ein mächtiger Bergfried aus dem Nebel heraus. Wenig darauf folgten die Zinnen einer Ringmauer. Ein Gong hallte dumpf von den Bergwänden wieder. Vor uns lag das Kloster Arras de Mott.