Die Hampstead-Gruppe – Ermittlungen (Teil IV)
Die Hampstead-Gruppe – Ermittlungen (Teil IV)

Die Hampstead-Gruppe – Ermittlungen (Teil IV)

Wir suchten Emily und den Offizier im Café auf und stellten fest, dass sie Gesellschaft bekommen hatten. Ein uns unbekannter drahtiger Mann, Mitte dreißig, saß bei ihnen. Er trug einen Anzug, dazu Strohhut und Brille. Neugierig blickte er uns an. Auf seinem Schoß ruhte ein aufgeschlagenes Notizbuch und in seiner Rechten hielt er einen Füllfederhalter. Er lachte und scherzte mit Emily. Ja, das war deutlich mehr als eine einfache Unterhaltung.

Als wir näher traten, wurde der Mann auf uns aufmerksam. Er sei Roland Blake, Leiter der hiesigen Zeitung. Könne er uns mehr über Kitty Danville sagen? Und während er zu erzählen begann, setzten wir uns zu ihnen. Die Dame Kitty habe einen Bankier geheiratet. Dieser sei vor ungefähr zwei Jahren verstorben. Danach sei das mit der Künstlerkolonie losgegangen. Immer wieder käme es zu Ruhestörungen durch die jungen Künstler. Anwohner würden regelmäßig die Polizei einschalten. Doch, er kratzte sich am Kopf, das sei noch etwas mit der Hausherrin gewesen. Damals, das sei schon wirklich einige Zeit her, sei sie auf einer Veranstaltung mit einem Bischof aneinandergeraten, da sie diesem den Händedruck verweigert habe. Sie habe dann sogar frühzeitig die Veranstaltung verlassen. Danach habe man sie und ihre Gatten fast gar nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Ja, fügte er dann an, da gäbe es ja noch etwas Weiteres. Sein Blick glitt zu Emily und mir. Ich verdrehte die Augen. Na, was das denn nun war, was man nicht vor Frauen aussprechen konnte. Dr. Nicklas verließ zusammen kurz mit dem Reporter das Café. Oh, wie sehr ich den alten Herren für seine altertümliche Einstellung verachtete!

Nachdem beide sich wieder zu und gesellt hatten, brachen wir zur Polizeiwache auf, wobei unser alter Herr Emily und der Offizier mit dem Auftrag, etwas aus einem Tabakladen für ihn zu besorgen, wegschickte. Nun eröffnete er auch, was der Reporter ihm anvertraut hatte. Im Haus der Dame Kitty gäbe es einen inneren Kreis der Künstler, der ihr sehr nahe stünde und von ihr besonders gefördert würde. Einer von ihnen sei von ihr abgewiesen worden und habe dann dem weiblichen Geschlecht gänzlich entsagt. Ich verdrehte erneut die Augen. Das war also das schreckliche Geheimnis? Meine Güte, als hätten wir keine schlimmeren Probleme. Diese Frau, schlussfolgerte er, habe also die Macht, Männer mit ihrer bloßen Abweisung die Lust an Frauen gänzlich zu verderben, sei das nicht entsetzlich? Ich seufzte schwer.

Er habe verschiedene Ideen, mischte sich jetzt Alexander ein, worum es sich bei besagter Dame handeln könne. Sie könnte eine Vampirin sein, was allerdings eher auszuschließen sei. Des Weiteren käme eine Sirene oder Muse in Betracht. Sie habe scheinbar eine Abneigung gegen Geistliche, warf Dr. Nicklas ein. Außerdem sei da ja noch die Sache mit dem fehlenden Eisenzaun, merkte der Adelige nachdenklich an, ob es sich bei ihr um ein Feenvaesen handele? Nun, entgegnete unser alter Herr, viele Vaesen konnten weder Eisen noch Kirchliches ausstehen. Das stimme, bestätigte mein allerliebster Alexander nickend. Es könne sich ja auch um jemand handeln, der von einem Vaesen verzaubert wurde, versuchte ich noch beizutragen.

Da sahen wir auch schon Emily und Major Mclean mit einer Schachtel türkischer Zigaretten vor der Polizeiwachen waren. Gemeinsam gingen wir hinein. Drinnen war recht wenig los. Einige wenige Beamten hielten sich gerade dort auf. Ein Mann mit Walrossbart wandte sich uns zu. Er sei Sergeant Hall, was er für uns tun könne? Wir suchten jemanden. Wen denn? Martin Beddowes. Einen Moment, er würde sogleich einmal nachschauen. Wenig darauf kam er zurück. Nun, hob er bedeutungsschwanger an, der junge Herr sei bereits zweimal aufgefallen. Zuletzt vor einem Monat, da habe er versucht, einem Polizisten den Helm zu stehlen. Kurz stahl sich ein feines Lächeln auf seine Züge. Zwar ein Dummer-Jungen-Streich, aber dennoch nicht in Ordnung. Erneut wurde er wieder ernst. Dann sei er noch betrunken mit dem Fahrrad gefahren. Ja, beteuerte der Sergeant, das sei durchaus gefährlich. Ich versuchte, ernst zu bleiben. Zudem habe er sich nicht mehr daran erinnern können, woher das Fahrrad stamme. Er schien verstört und wollte nur weit fort. Da schüttelte er den Kopf. Wer wisse denn schon, was diese Künstler alles so zu sich nähmen? Wie dem auch sei, die Dame Kitty habe ihn – wie so viele andere auch – auf der Polizeiwache ausgelöst abgeholt. Die Dame sei hier bekannt und habe gute Beziehungen in die höchsten Kreise. Er deutete mit einem Finger nach oben. Außerdem müsse er sich jetzt einen Kaffee holen. Demonstrativ legte er den Polizeibericht vor sich ab und ging.

In dem Bericht wurden die Ereignisse des letzten Vorfalls mit Martin ausführlicher dargestellt. Er sei recht betrunken auf einem Fahrrad gefahren und habe große Probleme beim Fortkommen gehabt. Zuerst habe er behauptet, dass er das Fahrrad von einem Freund habe, doch konnte er den Namen des Freundes nicht nennen und räumte schließlich ein, es an eine Wand gelehnt gefunden zu haben. Er habe verstört und gehetzt gewirkt, habe Hampstead dringend verlassen sollen, den Grund habe er allerdings nicht nennen wollen. Mehrmals habe er aber gesagt, dass sie ihn finden würde. War damit etwa Kitty gemeint? Letzteres habe er mehrfach wiederholt und war dabei ruhiger geworden. Widerstandslos habe er sich festnehmen lassen. Am nächsten Tag habe Mrs. Danville ihn abgeholt, wobei es zunächst so geschienen habe, als habe er Angst vor ihr.

Sergeant Hall kam mit Café zurück. Nun, hob unser alter Herr an, er – der Polizist – habe unsere Zeit nun genug beansprucht, wir hätten auch noch etwas anderes zu tun. Unser Gegenüber wirkte erbost. Zog die Stirn in harte Falten. Er habe seine Zeit mit uns geteilt, erwiderte er. Sogleich entschuldigte ich mich für das Benehmen meines einen Begleiters. Er müsse entschuldigen, aber unser alter Herr sei des Englischen nicht ganz so mächtig. Er habe es sicherlich nicht so gemeint, wie er es gesagt habe. Ich bedankte mich für seine Zeit, wünschte ihm einen schönen Tag und gemeinsam mit den anderen verließ ich die Polizeiwache.

Mit einer Droschke ging es nach London zurück. Emily gab uns eine Visitenkarte ihrer Unterkunft, damit wir sie jederzeit aufsuchen würden können. Im Herrenhaus unserer englischen Gesellschaft zogen wir uns anschließend in die Bibliothek zurück. Ich fand in der Tat einige wirklich hübsche Gedichtbände. Vor allem »The Raven« zog mich in seinen Bann. Die anderen hatten aber mehr Erfolg und fanden so einiges heraus. Viele der Kreaturen, die in Fragen kamen, ernährten sich auf irgendeine Art und Weise von den Künstlern. Manche von ihnen verfielen dem Wahnsinn, andere arbeiteten sich zu Tode. Sie alle hatten Abneigungen gegen die Kirche und Eisen. Ein Vaesen fiel ihnen besonders auf. Die Glaistig trete in Gestalt einer hübschen Frau auf. Manche von ihnen könnten sich in eine Ziege verwandeln, andere wiederum behielten auch in ihrer menschlichen Gestalt Ziegenbeine. Ob sie deswegen ein bodenlanges Kleid getragen hatte? Mittels Tanz und Musik – Kunst! – würde sie Männer zu sich locken, sie überwältigen, töten und fressen. Ich zuckte zusammen und verzog das Gesicht angesichts dieser Nachricht, dann lachte ich jedoch. Dann sei ich ja gar nicht in Gefahr, schloss ich amüsiert.

Mit diesen Informationen suchten wir alles für den Abend zusammen. Die beiden Herren nahmen ihre Stockdegen mit, des Weiteren packten wir Kreuze und Weihwasser ein. Auch ein Schürhaken fand seinen Weg in unser Gepäck. Ich indes durchwühlte etwas latent verzweifelt meine Unterlagen, um etwas zu finden, was ich am Abend vortragen würde können. Es musste gut werden. Vielleicht die Geschichte einer Frau, die Männer in ihren Bann zog?

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