Alexander eilte voran und läutete die Glocke an der schweren Eichentür. Ein alter Bediensteter – gab es eigentlich keine jungen Männer, die diese unentbehrliche Tätigkeit ausübten? – öffnete uns. Was wünschten wir? Der gutaussehende Adelige erklärte, dass er sich gerne diesen Ort der freien Gedanken und des künstlerischen Schaffens anschauen wolle. Unser Gegenüber hielt uns ein silbernes Tablett entgegen und sowohl mein allerliebster Alexander als auch unser alter Herr legten eine Visitenkarte darauf. Er würde die Dame des Hauses in Kenntnis setzen, erklärte der Bedienstete, ging wieder hinein und schloss die Tür hinter sich.
Wir warteten. Wir warteten eine geraume Zeit. Dann öffnete uns eine Frau die Tür. Sie hatte etwas Unheimliches an sich. Ob das an ihrer beeindruckenden Körpergröße von nahezu 2 Metern lag? Oder vielleicht doch an ihrem bodenlangen, dunklen Kleid? Ich blickte zu ihr hinauf. Sie entschuldige sich vielmals, dass wir hätten warten müssen. Hätte sie gewusst, dass sie solch vortrefflichen Besuch erhielte, hätte sie uns selbstredend persönlich begrüßt. Sie bat uns hinein und brachte uns in den Salon. Auch hier waren die Vorhänge zugezogen. Diesiges, gedämpftes Licht fiel herein. Die Wände hingen voller dunkler, schwerer Ölgemälde. Es roch abgestanden nach Tabak und Alkohol, wobei ich auch den süßlichen Geruch von Opium wahrzunehmen meinte.
Sie sei Mrs. Kitty Danville, mit wem habe sie die Ehre? Wieder einmal stellten wir uns vor. Ich musterte sie genau und musste einräumen, dass sie eine Art besonderen Charme an sich hatte, aber auch etwas bedrohlich Dominantes. Und wäre ich ein Mann, dann könnte sie mir gewiss gefallen. Woher wir denn von ihrem Heim wüssten? Oh, erwiderte der Arzt, unser Freund Martin habe von diesem Ort so verheißungsvoll geschwärmt. Das höre sie gerne, erwiderte sie da und fügte sogleich an, allerdings sei jetzt kein guter Zeitpunkt. Ihre Künstler schliefen alle noch. Abends arbeiteten sie häufig lange, manchmal suchten sie auch Inspiration mit bewusstseinserweiternden Mitteln. Lustig und feuchtfröhlich ginge es dann zu. Besser sei es also, wenn wir gegen Abend wiederkämen, dann könnten wir uns auch mit ihren Künstlern austauschen.
Wie wir denn zur Kunst stünden? Oh, ich wiegte meinen Kopf aufgeregt hin und her, ich sei Schriftstellerin und schrieb Romane und sei daher immer auf der Suche nach neuer Inspiration und guten Geschichten im Allgemeinen. Und meine beiden Begleiter? Er schreibe Berichte über seine Reisen, meinte Alexander da nickend. Der alte Herr sagte nichts. Besser so, dachte ich. Dieser Offizier hatte mich schon genug beleidigt.
Erst da bemerkten wir, dass etwas versteckt hinter einem großen Polster ein junger halbnackter Mann in einem Bademantel mit einer Flasche Wein in der Hand lag. Ach, seufzte die Hausherrin da, ihre Künstler seien wirklich manchmal wie kleine Kinder! Immerzu müsse sie auf sie achtgeben. Doch sie gäben ihr so viel zurück. Es erfreue sie zu sehen, wie die jungen Männer hier beisammen saßen, Inspiration fanden und gar Wundervolles zustande brachten. Damit die Künstler sich hier gänzlich ihrer Kunst widmen konnten, sorgen sie für alles andere. Dass sie wirklich alles meint, war ihrer Mimik deutlich anzusehen. Du liebe Güte, dachte ich da nur, diese Frau machte mir inzwischen latent Angst.
Gerne sollte ich heute Abend etwas zum Vortragen mitbringen. Selbstredend, nickte ich, so etwas gehöre sich doch so. Meine Begleiter solle ich aber auch besser mitbringen. Wie sie das denn nun meine? Nun, lavierte sie sich etwas herum, ihre Künstler würden gelegentlich auch mal Besuch von Damen erhalten, sie anderen Künsten nachgingen. Hm, machte ich da nur und zog die Augenbrauen nach oben. Ja, aber mit meinen beiden starken Begleitern würde mir ganz sicher nichts passieren. Ich zog meine Stirn in Falten. Die Art und Weise, wie sie das sagte, bereitete mir Sorge. Sogleich versuchte die Dame des Hauses jedoch abzulenken. Ja und hin und wieder käme es auch vor, dass die Nachbarn die Polizei riefen. Sie zuckte mit den Schultern. Dabei verstünden diese einfach nur nicht, was diese jungen Männer brauchten, um sich entfalten zu können.
Mit dem Versprechen, am Abend wiederzukommen und auch etwas zum Vortragen mitzubringen, verabschiedeten wir uns. Außerhalb der Sicht- und Hörweite des Hauses begannen wir uns über „Kitty“ zu unterhalten. Und während sie für mich einwandfreies Englisch ohne irgendeinen Akzent sprach, hatte unser sich an seine Reisen nach Schottland erinnert gefühlt. Sie höre sich wie eine Schottin an. Eben wie Major Mclean. Und nun, da er so darüber nachdenke, erinnerten ihn auch die Ölgemälde an Schottland. Dr. Nicklas kannte aber keine andere Sorge und auch kein anderes Problem als das Muttermal an meinem Knöchel. Ach, dieser alte Herr.