Die Hampstead-Gruppe – Emily (Teil II)
Die Hampstead-Gruppe – Emily (Teil II)

Die Hampstead-Gruppe – Emily (Teil II)

Wir verabredeten uns mit Amelia Beddowes am Bahnhof Euston. Sie war eine hübsche, recht schlanke und blasse, dabei aber sehr gut gekleidete Frau mit kastanienbraunem Haar. Mit einem dezenten Lächeln winkte sie Major Mclean zu. Wenig darauf standen wir einander gegenüber. Sie sei heilfroh, dass wir uns dieser entsetzlichen Angelegenheit annehmen wollten. Dann machte sie einen höflichen Knicks vor den Herren und begrüßte mich mit einem angedeuteten Küsschen auf die linke und anschließend auf die rechte Wange. Wir sollten sie Emily nennen, entgegnete sie und. Nun stellten auch wir uns vor.

Kurz erklärte sie uns noch einmal die Situation: Ihr Bruder sei verschwunden. Bei der Dame des Hauses »Kitty« handele es sich um eine ältere Frau. Eine Witwe. Sie habe die jungen Männer ganz und gar im Griff. Sie würden um sie herumschwirren, wie die Bienen im Stock um ihre Königin und ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen. Das sei ihr schon recht seltsam vorgekommen. Ob sie ihnen Drogen verabreiche? Die Männer bezeichneten sie als nichts weniger als ihre Muße. Gerne würde sie uns das Haus der Dame zeigen und auch mit uns hineingehen. Besser, erwiderten wir, sie warte in der Nähe. Die Dame des Hauses kenne sie ja bereits, uns allerdings noch nicht. Auf diese Art und Weise könnten wir uns dort erst einmal in Ruhe umsehen und hören. Wir würden einfach behaupten, wir seien herumreisende Künstler aus Schweden mit Interesse an ihrer Künstlerkolonie.

Dr. Nicklas warf nun ein, dass Emily doch bereits gesagt habe, dass es da nur junge Männer gab. Ich würde folglich da nicht hineinpassen. Ich sollte mich als Mann verkleiden. Das käme überhaupt nicht infrage, erwiderte er, ich würde doch keine Hosen tragen! Ich hätte wirklich noch nie eine Hose getragen? Da zog ich meinen Rock ein wenig nach oben und wollte von ihm wissen: Habe er etwa ein Problem mit meinem hübschen, nackten Knöcheln? Doch anstatt auf meine Frage zu antworten, zog er nur seine Augenbrauen nach oben und merkte an, dass dieses dunkle Muttermal nicht gut aussehen. Habe sich das ein Arzt angesehen? Dieser Fleck sei doch derzeit nun wirklich nicht unser größtes Problem! Ich solle das mal nicht so abtun, das sollte sich wirklich mal ein Arzt ansehen? In Schweden würde ich einen wirklich guten Arzt aufsuchen, versicherte ich ihm. Er grinste, natürlich würde er sich diesen Fleck gerne ansehen. Energisch nickte er. Klar seufzte ich und verdrehte die Augen. Dieser Mann wollte mir doch nur unter den Rock schauen. Unverschämtheit!

Die anschließend eintretende Stille überbrückte der Offizier mit der Frage nach unserem weiteren Vorgehen. Alles erfolge streng nach dem Protokoll, meinte der Arzt lapidar. Ja, irgendwie schätzte ich diesen alten Kauz. Mit renitenten Männern konnte er gut reden. Vermutlich lag das daran, dass er selbst einer war.

Emily brachte uns dann zum Newford House der Dame „Kitty“. Sie und Major Mclean machten sich anschließend zu einem Café in der Nähe auf. Das Haus lag in einem noblen, gepflegten Viertel. Alles war sauber und ordentlich. Die Gärten waren voller Blumen und Sträuchern, die von fleißigen Angestellten gepflegt wurden. Mehr oder weniger gut erzogene Hunde wurden von Dienstmädchen und -jungen ausgeführt. Beinahe alle Häuser waren mit einem hohen Eisenzaun umgeben, nur das Haus der Künstlerkolonie nicht. Deutlich war allerdings noch zu sehen, wo es gestanden hatte. Hecken und Sträucher säumten auch diesen Garten. Hohe, alte Bäume gesellten sich dazu. Vor allen Fenstern waren schwere dunkle Samtvorhängen gezogen worden.

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