Die letzten Zehnttage habe ich im Anwesen meiner Familie in Gareth zugebracht. Ich genoss es, wieder einmal zu Hause zu sein und mich im Herzen der zivilisierten Welt zu befinden. Natürlich durfte ein Besuch bei meiner alten Lehrmeisterin, der ehrenwerten Krona Adersin, nicht fehlen. Einen gewissen Stolz empfand ich durchaus, ob ihrer lobenden Worte über die Fortschritte, die ich in meinem Kampfstil erzielt habe!
Doch aller Müßiggang hat einmal sein Ende und es traf sich gut, dass mich mein Vater bat zu einer groß angekündigten Warenschau nach Baliho zu reisen. Denn nur einen Tag zuvor hatte mich Celissas Brief erreicht, dass sich unsere Wege und Klingen bald in Weiden kreuzen könnten.
Kurz vor meiner Abreise bin ich in Gareth noch auf Ihro Gnaden Aurelia und den werten Magus Hjore getroffen und wir haben uns schließlich gemeinsam auf den Weg gen Mittnacht gemacht.
Wie erwartet war der Weg über die Reichsstraße weder sonderlich beschwerlich noch aufregend. Lediglich kurz vor Menzheim meinte eine Gruppe Strauchdiebe, ihre zahlenmäßige Überlegenheit würde ausreichen, um uns unserer Besitztümer zu berauben. Alleine die Frechheit, sich an einer Dienerin der Zwölfe bereichern zu wollen, stelle man sich vor! Doch Dank Ihro Gnaden Aurelias Demonstration der Macht des Herrn Praios und unseres entschlossenen Auftretens, gaben die Halunken bald Fersengeld.
Kaum waren sie in den Büschen verschwunden, trat eine Elfe hervor. Sie stellte sich als „Feija nur Drama“ vor (ich hoffe, dass der Name kein subtiler Hinweis auf ihren Charakter ist), und wie sich herausstellte, kannte sie unseren Freund Hjore von einer seiner letzten Wanderungen. Nach kurzem Gespräch entschied sie, uns eine Weile begleiten zu wollen. Es hatte den Anschein, dass wir sie nicht daran hätten hindern können, selbst wenn wir es gewollt hätten, also namen wir Hjores Freundin in unsere Gesellschaft auf.
Da wir nun doch in gewisser Eile waren, um das nächste feste Dach für die Nacht noch vor der Dunkelheit zu erreichen, sahen wir von einer Verfolgung der Wegelagerer ab. Als wir schließlich im Rasthaus ankamen, hinterließen wir jedoch eine dringliche Warnung bei den Wirtsleuten, dass sich dieses Gesindel noch in der Gegend herumtreiben mochte.
Am nächsten Tag gab es eine kleine Aufregung, als uns kurz vor Menzheim eine von Sonnenlegionären eskortierte Kutsche mit Seiner Eminenz da Vanya in vollem Galopp überholte. In Menzheim angekommen, ersuchte Ihro Gnaden Aurelia eine Audienz, um dem hohen Vertreter ihrer Kirche ihre Dienste anzubieten, so er sie benötigen sollte, wurde jedoch sogleich abgewiesen. Also beschlossen wir unserer eigenen Wege zu ziehen.
Als wir des Abends zu Tisch saßen, betrat plötzlich Ihro Gnaden Rorlik das Gasthaus. Wie sich herausstellte, hatte er einen Handelszug als Geleitschutz nach Menzheim begleitet. Nachdem er sich von den Händlern verabschiedet hatte, stieß er zu uns und begleitete uns fortan zur Warenschau nach Baliho. Ich muss an diesem Abend zu viel des guten Bieres genossen haben, denn es will mir einfach nicht mehr in den Kopf, woher der gute Gryox auf einmal zu uns kam. Auf jeden Fall verstand er sich sofort prächtig mit Feija.
21. Ingerimm 1015 BF
In Baliho angekommen, erwartete uns ein riesiges Gedränge von Handelskarren, welche alle in die Stadt wollten, um ihre Waren auf der Messe feilzubieten. Ich musste mir erst mit lauter Stimme Geltung verschaffen, bevor die Stadtwachen in all dem Trubel endlich Ihro Gnaden Aurelia gewahr wurden und uns einen unbürokratischen Zugang gewährten. Die Südstadt, oder eher das Ochsenviertel, welche wir nun betraten, war voll von ebensolchen. Nicht nur, dass wir uns gezwungen sahen einer großen Rinderherde auszuweichen, welche einige wild aussehende Reiter mitten durch die Straße trieben. Einer dieser Burschen besaß auch noch die Dreistigkeit, mir gegenüber provozierende Gesten zu zeigen. Zu seinem Glück befanden sich in diesem Moment mehrere Dutzend der großen gehörnten Tiere zwischen uns. Doch ich habe mir sein Gesicht gemerkt und sollten sich unsere Wege noch einmal kreuzen, wird dieser Bauer seine verdiente Antwort bekommen!
Unser Weg führte uns zum Praiostempel in der Grafenstadt, da wir hofften eine Audienz beim dortigen Prätor Brunn Bauken erhalten zu können. Es stellte sich heraus, dass jener die Stadt verlassen hatte, um etwas auswärts in Anderath gemeinsam mit seiner Eminenz da Vanya an einer Konferenz teilzunehmen. Offensichtlich ging gerade etwas vor, das die Praioskirche in einen gewissen Aufruhr versetzte. Da der Tag bereits weit fortgeschritten war, beschlossen wir in der Grafenstadt zu nächtigen. Das Hotel „Zum Grafen“ hatte auch noch ein paar Zimmer frei, wobei Gryox und Feija beschlossen, „auswärts“ schlafen zu wollen. Gryox war es dann auch, der sich mit einem gewissen Meister Iberix, Sohn des Rogolax anfreundete, um eine Einladung ins Gasthaus der Gilde zu bekommen. Angeblich sei das Essen dort der Küche des Hotels vorzuziehen. Etwas, was ich mir nur schwerlich vorzustellen vermochte, doch ich war müde und beschloss meinem Gefährten seinen Willen in diesem Punkt zu lassen.